Wunsch und Wirklichkeit

Mike Weibel, 20. April 2017
Wunsch und Wirklichkeit

Wenn es um nachhaltigen Tourismus gehe, werde viel geredet und zu wenig gehandelt, kritisiert Christine Plüss. Die Geschäftsführerin des Arbeitskreis Tourismus und Entwicklung erklärt, was geschehen muss, damit der Supertanker Tourismus bremsend umgelenkt werden kann.

Interview: Mike Weibel, diktum.ch

Helvetas bietet zusammen mit Globotrek Reisen an, bei denen Projekte besucht werden, wo die Gäste auch am Alltag der Gastgeber teilhaben können. Sind solche Angebote im Trend?
Absolut, insbesondere Voluntourismus ist ein stark wachsendes Segment. Deshalb drängen auch immer mehr kommerzielle Anbieter auf diesen Markt. Viele junge Leute brauchen heute eine Arbeitserfahrung im Ausland in ihrem Curriculum, beispielsweise für pädagogische Ausbildungen. Aber die Qualität dieser Einsätze ist eine Blackbox.

Welche Probleme sehen Sie?
Die Nachfrage nach Projektbesuchen und kurzzeitigen Freiwilligeneinsätzen steigt, auch im Rahmen von Pauschalund Rundreisen; Wildtier-Aufzuchten und Kinderbetreuung sind ein Renner. Sogar Kreuzfahrttouristinnen wird der Besuch von Kinderheimen angeboten. Das Angebot folgt der Nachfrage nach authentischen Reiseerfahrungen, die oft als «Helfen» verkauft werden. Das ist grundlegend falsch: Es geht um eine Lernerfahrung. Und in einem Projekt lässt sich nicht jede Person zu jedem Zeitpunkt sinnvoll einsetzen. Dazu braucht es, wie bei Helvetas, eine sorgfältige Auswahl des Projekts wie auch der Besucherinnen und Besucher. Dass ein Projekt den Kriterien guter Entwicklungszusammenarbeit entspricht, ist bei Helvetas selbstverständlich, bei vielen touristisch vermarkteten Angeboten aber überhaupt nicht.

Aus diesem Grund bezeichnet Helvetas heute die eigenen Angebote als «Begegnungsreisen», der Erfahrungsaustausch steht im Vordergrund. Diese Art des Reisens stellt jedoch eine Mikronische im Tourismusmarkt mit seinen jährlich 1,2 Milliarden Reisenden dar. Was boomt im grossen Stil?
Ein kräftig wachsendes Segment sind Kreuzfahrten; letztes Jahr fuhren rund 25 Millionen Passiere zur (Hoch-)See. In dieser Branche zeigen sich die Probleme des Tourismus exemplarisch: hohe Umweltbelastung, miserable, prekäre Arbeitsbedingungen für die Angestellten, Gesundheitsschäden für die Bewohnerinnen und Bewohner der Hafenstädte – und kaum lokale Partizipation an der Wertschöpfung in den Zielgebieten. Die Reedereien betreiben nämlich oftmals auch gleich die Souvenirshops und Bars vor Ort.

Wie gross ist denn die Nachfrage nach nachhaltigem Tourismus?
Man muss zwischen Anspruch und Wirklichkeit unterscheiden. 2014 wünschten sich 61 Prozent der Deutschen, nachhaltig zu verreisen. Aber nur zwei Prozent taten es. In der Schweiz wären die Zahlen ähnlich.

Woran fehlt es?
Die Konsumentinnen und Konsumenten befürchten, dass es mehr kostet. Natürlich hat Nachhaltigkeit einen Wert und daher auch einen Preis, aber der muss nicht hoch sein, wie Beispiele aus dem sogenannten Community Based Tourism zeigen. Vor allem hat es die Reisebranche bisher verpasst, Auskünfte über die Umwelt- und Sozialverträglichkeit ihrer Angebote gut sichtbar zu machen. Selbst diejenigen Veranstalter, die ein Nachhaltigkeitsmanagement eingeführt haben, kommunizieren dazu ungeschickt. Es ist für die Kundschaft tatsächlich nicht einfach, ein zu ihrem – oft recht diffusen – Wunsch passendes Angebot zu finden. Umso wichtiger ist unsere Arbeit im Arbeitskreis Tourismus und Entwicklung.

Wozu dienen dann die vielen Labels, die man in der Branche findet?
Wenige Tourismus-Labels sind wirklich etwas wert, viele decken nur ökologische Aspekte vor Ort ab. Wir haben zu diesem Dschungel einen kleinen Reiseführer publiziert. Etabliert und von uns auch empfohlen sind die Label Tour-Cert für Veranstalter und Travelife für Hotels. Ich beobachte in den letzten Jahren weltweit viele tolle lokale Initiativen, nur finden die Kunden die Angebote noch nicht über die etablierten Kanäle.

Lässt sich jedes touristische Angebot nachhaltiger gestalten?
Auf jeden Fall die allermeisten, davon bin ich überzeugt. Das Internationale Jahr des nachhaltigen Tourismus für Entwicklung 2017 ist die Gelegenheit, die Ärmel hochzukrempeln und den Supertanker Tourismus bremsend umzulenken.

Christine Plüss, Arbeitskreis Tourismus & Entwicklung, im Trobenhaus des Botanischen Gartens Basel, Februar 2017. Bild: Christian Flierl

Christine Plüss, Arbeitskreis Tourismus & Entwicklung, im Tropenhaus des Botanischen Gartens Basel, Februar 2017. Bild: Christian Flierl

Was meinen Sie konkret?
Wir müssen weg von der Fixierung auf Mengenwachstum. Denn mehr Tourismus bringt nicht einfach mehr Entwicklung. Studien zeigen, dass der Bildungsindex in einem Zielland nur minimal anstieg, während die Zahl der Gäste sich verdoppelte. Vielmehr brauchen wir eine Politik-, eine Branchen- und eine Konsumwende.

Beginnen wir mit der Politik
… Investitionshilfen für Tourismusprojekte, Steuergeschenke und Flugverkehrssubventionen zielen auf ein Mehrvom- Gleichen ab, zudem ist der Sektor anfällig für Korruption und Steuerhinterziehung. Stattdessen fordern wir erstens eine Förderung integrierter Regionalentwicklung. So können beispielsweise Fischer und Bauern lernen, die für Hotels und Restaurants nötige Qualität bereitzustellen. Benachteiligte Bevölkerungsgruppen sollen an Entscheiden und Ertrag teilhaben. Zweitens sollen Tourismusunternehmen 2017 ein solides Nachhaltigkeitsmanagement einführen, das auch den Respekt der Menschenrechte und die gerechte Beteiligung der Einheimischen am Tourismus gewährleistet. Der Schweizer Reiseverband soll sich dafür  einsetzen, dass 2017 mindestens die Hälfte seiner Mitglieder eine Nachhaltigkeitszertifizierung einführt. Drittens müssen die Reisenden beginnen, ihre Absichten für ein verantwortungsvolles, nachhaltiges Reisen endlich in die Tat umzusetzen – zum Beispiel mit unserem Reisecheck auf fairunterwegs.org.

Knüpfen wir bei den Reisenden an, die wir ja alle sind. Gibt es ein gutes, ein richtiges Mass fürs Reisen?
Wir können dazu auf das Konzept des «buen vivir» zurückgreifen, des von den Indigenen Lateinamerikas inspirierten guten Lebens. Es fragt nach den menschlichen Bedürfnissen wie Beziehungen, positiven Emotionen, Engagement und sinnstiftenden Tätigkeiten. Mehr Konsum steigert ja das Wohlbefinden keineswegs. Wir sollten uns fragen: Welchem dieser Bedürfnisse entspringt der Wunsch nach einer Reise? Wenn mich diese Reise in die Ferne führt, lohnt es sich, viel Zeit und Sorgfalt in die Vorbereitung zu stecken und lange vor Ort zu bleiben, denn eine Flugreise belastet die Atmosphäre über Gebühr. Deshalb werde ich in den folgenden Jahren die nähere Umgebung zu Fuss oder mit dem Velo erkunden. So findet man bestimmt Christine Plüss fordert eine Politik-, Branchen- und Konsumwende im Tourismus. einen Reisezyklus, der den eigenen Bedürfnissen entspricht und die Nachhaltigkeit berücksichtigt.

Das wäre ein nachhaltiges Konsummuster, wie es in der Agenda 2030 gefordert wird, die den Referenzrahmen für das «UNO-Jahr des nachhaltigen Tourismus für Entwicklung» bildet. Welche weiteren Bezüge zum Tourismus gibt es?
Der Tourismus kann zu allen Entwicklungszielen beitragen. Explizit gefordert werden jedoch «Politiken zur Förderung eines nachhaltigen Tourismus, der Arbeitsplätze schafft und die lokale Kultur und lokale Produkte fördert». Die Auswirkungen des Tourismus auf die nachhaltige Entwicklung müssen beobachtet werden. Und schliesslich ruft die Agenda 2030 dazu auf, Ozeane, Meere und Meeresressourcen zu erhalten und nachhaltig zu nutzen. Auch hier sehe ich die Branche und die Politik in der Pflicht.

 

Der Arbeitskreis Tourismus und Entwicklung (akte) ist die Schweizer Fachstelle, die den Tourismus aus entwicklungspolitischer Sicht hinterfragt, Öffentlichkeit und Reisende informiert und sich im kritischen Dialog mit Tourismusunternehmen für gerechte, faire Beziehungen im Tourismus engagiert. Helvetas gehört zu den Mitgliedern von akte. www.akte.ch, das Reiseportal von akte: www.fairunterwegs.org.

Autor

Mike Weibel

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