Vietnam: Finde die Lücke (1/3)

Kathrin Krämer, 14. Juli 2015

Daniel BillIn den nächsten Wochen wird Daniel Bill aus Vietnam bloggen. Er studiert am NADEL und ist gegenwärtig für Helvetas in Vietnam im Einsatz. 

Neulich an einer roten Ampel an einer sehr dicht befahrenen Kreuzung in Hanoi. Es ist 42 Grad und rund um mich herum brummen die Motoren aller Art. Motorräder stehen dicht an dicht, viele behindern die Gegenfahrbahn, dazwischen sind zwei überdimensionierte schwarze Geländefahrzeuge eingeklemmt, kurz dahinter schiebt eine tapfere Blumenverkäuferin ihr Fahrrad Zentimeter um Zentimeter nach vorne um sich in eine bessere Position zu bringen wenn es losgeht. Gleich dahinter nutzt eine weitere Marktfrau mit voll beladenen Früchtekörben den kurzen Moment und folgt zu Fuss in die frei gewordene Lücke. Will sie diese Kreuzung zu Fuss überqueren?

Das Warten in der Hitze ist unerträglich, alle sind ungeduldig. Der Countdown neben dem Rotlicht zählt die Sekunden träge: 58, 57, 56 – immerhin scheinen sich ausnahmsweise alle an den Zähler und die Strassenregeln zu halten. Die verbleibende Minute zieht sich in die Länge. Wann wohl der erste Lenker eines Motorrades die Geduld verlieren und in einem halsbrecherischen Manöver nach links durch den nicht abbrechenden Strom von entgegen kommenden Fahrzeugen abbiegen wird?

30, 29, 28 – ich hatte es geahnt: ein paar Fahrer verlieren die Geduld. Sie fahren wild hupend bei Rot auf die Kreuzung. Das ist das Signal für viele andere, es ihnen gleichzutun. Von allen Seiten dröhnen nun Fahrzeuge auf die Kreuzung zu, das Chaos ist unvermeidlich, denn auch die Autos schliessen auf und alle verkeilen sich ineinander. Von der wartenden Masse hinter mir nach vorne geschoben, werfe ich meine Schweizer Verkehrsmanieren über Bord und wage mich ins Getümmel, mit grossen Zweifel allerdings wie sich das hier alles auflösen wird. Es gibt scheinbar kein Vor und Zurück mehr.

Mitten in diesem Chaos erinnere ich mich an ein Gespräch mit einem gleichaltrigen vietnamesischen Arbeitskollegen. Er hat mir gesagt, dass er seine täglichen zwei Stunden auf dem Motorrad nutze, um das Verhalten seiner Landsleute und die Entwicklung seines Heimatlandes zu studieren. Es sei ein perfektes Abbild der Gesellschaft. Der Verkehr rufe ihm immer wieder in Erinnerung, woher Vietnam kam, welche rasante Entwicklung das Land in den letzten zwanzig Jahren durchgemacht habe und vor welch grossen Herausforderungen das Land derzeit steht.

Mit seinen 34 Jahren hat er die Strassen Hanois noch ohne Motorräder und Autos erlebt. Sein einst abgelegenes Dorf ist heute längst Teil der Stadt und umringt von grossen Bauten. Heute drängen sich immer mehr Personenwagen durch die viel zu engen Strassen Hanois. Wie lange es wohl geht bis die flexiblen Motorräder und die traditionellen Strassenküchen vollständig von den Strassen verdrängt werden? Im Moment, so scheint es, finden alle irgendwie noch ihren Platz, aber die Lücken werden enger. Immer wieder steht der Verkehr komplett still. Das Tempo, die Ungeduld und das Gedränge, schildert mein Freund, nimmt in den Strassen ständig zu. Die Masse und das Tempo an Fahrzeugen schieben derzeit jeden unentwegt nach vorne, jeder muss sich darin seinen eigenen Weg bahnen. Wo sich eine Lücke öffnet, fährt man rein bevor es ein anderer tut. Es bleibt keine Zeit, den Blick nach links, rechts oder gar nach hinten zu werfen. Alles was zähle sei der Blick nach vorne, nur das könne man selber beeinflussen. Vielleicht haben deshalb viele ihre Rückspiegel vom Motorrad abgeschraubt.

Ich werde plötzlich aus meinen Gedanken herausgerissen, vor mir hat sich tatsächlich ein Durchgang geöffnet. Nach und nach finden alle Fahrzeuge ihren Weg aus dem Gewirr. Auch das ist Hanoi. Nach einigen Metern freier Fahrt fällt mir eine Charaktereigenschaft der Hanoier ein, die mich immer wieder überrascht und fasziniert. Sie hat auch hier zur Lösung beigetragen: Stoisch Widerstände ertragen, bis sich eine Möglichkeit bietet, die sofort mit Flexibilität, Spontanität und viel Improvisation genutzt wird. Hoffentlich meistert Vietnam alle Situationen so geschmeidig.

Kathrin Krämer
Autor

Kathrin Krämer

kommentieren Sie DIESen Beitrag

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Zeichen verfügbar 600 Antworten abbrechen