Update aus Nepal: Eine bessere Perspektive?

Jane Carter, 06. August 2015
Update aus Nepal: Eine bessere Perspektive?

Bis auf einzelnen Berichte, wie vergangene Woche in der Tagesschau, ist das Erdbeben in Nepal und seine Folgen aus dem Fokus der internationalen Medien verschwunden.

Sogar die Nepalesen in nicht betroffenen Teilen des Landes scheinen das Erdbeben hinter sich gelassen zu haben. Aber für alle, die in Kathmandu, Sindhupalchok, Dolakha, Gorkha und anderen vom Erdbeben getroffenen Regionen leben, gibt es kein Vergessen. Das buchstäbliche Zittern ums Überleben ist für die Menschen dort noch immer tägliche Realität.

In Kathmandu hat die Regierung mit einer Bedarfsanalyse nach der Katastrophe begonnen – in Gang gesetzt bei einer internationalen Konferenz über Nepals Wiederaufbau, die genau zwei Monate nach dem Erdbeben vom 25. April abgehalten wurde. Daran nahmen zahlreiche Vertreter der Regierung und der Geldgeber teil. Sie setzten mit grossen Summen den Rahmen für optimistische Vorhaben. Wie immer in solchen Situationen ist dabei die praktische Umsetzung das wichtigste. Für die Menschen draussen in den Dörfern, die in provisorischen Unterkünften leben, während die Monsunregen die Blachendächer zerreissen, ist diese Bedarfsanalyse sehr abstraktes Konzept. Eines der Regierungsversprechen, von dem viele gehört haben, ist die Verteilung von 200‘000 Rupien (ca. 1880.- Fr.) an jeden betroffenen Haushalt. Die Ermittlung der genauen Anzahl von Haushalten und deren Bewohner ist eine heikle Angelegenheit. Die Lokalregierung hätte eine entscheidende Rolle zu spielen, würde sie denn existieren. Aber unglücklicherweise dürften lokale Regierungsvertreter noch für eine Weile fehlen. Die letzten Lokalwahlen fanden 1997 statt.

Von einem kürzlichen Besuch im Melamchi-Tal in Sindhupalchok berichtet unsere stellvertretende Direktorin Mona Sherpa: „Die Menschen drängen nicht mehr so sehr auf Nothilfe wie zu Beginn. Sie sind jetzt zurück in ihrem normalen Leben, betreiben Landwirtschaft, reparieren ihr provisorisches Obdach oder verdienen Geld für eine bessere Unterkunft. Die Schulen haben wieder aufgemacht, obwohl gerade die Monsunferien wären. Bauern sind wieder auf ihren Feldern, wenngleich sie sagen, dass der Regen noch nicht genug ist… Ich kann sehen, dass Hilfsaktionen jetzt stark zurückgefahren werden und wenige Organisation verbleiben.“

Helvetas hat bis Ende Juli Hilfe und eine Lebensgrundlage für 14‘438 Haushalte in den Regionen Sindhupalchok, Gorkha, Kavre Palanchowk, Ramechhap und Dhading bereitgestellt. Der Wiederaufbau von Bewässerungssystemen läuft weiter, 26 davon sind bisher fertig gestellt. 1421 Gemeinde-WASH(Wasser, Sanitäre Anlagen und Hygiene)-Materialien wurden verteilt und 753 Toiletten installiert. Die Zusammenarbeit mit Solidar Suisse hat sich auf die Verteilung von Saatgut, Würde- und Hygiene-Kits und die Reparatur von Latrinen konzentriert, mit Caritas Schweiz auf Schulen. Somit haben jetzt 41 Schulen im Tal vorübergehende Lernzentren (TLCs) und Toiletten. 15 Mitarbeitende in Nepal leisten diese Arbeiten zum Wiederaufbau.

Ein Problem, das Thema einiger Diskussion mit anderen Entwicklungsorganisationen war, ist das Bereitstellen genderspezifischer Unterkünfte. Um auf das Bedürfnis von Frauen nach Privatsphäre zu reagieren, befürworten manche Organisationen die Errichtung von Unterkünften mit einem speziellen Raum für Frauen. Dazu gehört auch eine kleine separate „Frauenhütte“ zum Gebrauch während der Menstruation. An und für sich gut gemeint, verstärkt dies aber die Praxis von „Chhaupadi“. Frauen werden demnach während ihrer Regelblutung als verunreinigt angesehen. Sie sind verpflichtet, sich ausserhalb des Familienhauses aufzuhalten und werden sehr entwürdigend behandelt.

Wie Mona Sherpa hervorhebt, ist die Privatsphäre von Frauen wichtig, das sollte aber nicht auf Kosten ihrer Würde gehen. Die Diskussion zeigt, wie wichtig es ist, nicht nur traditionelle Bräuche zu verstehen, sondern auch die Bedeutung dahinter.

Sobald die Monsunregen vorbei sind, wird der Wiederaufbau ernsthaft beginnen. Viele Diskussionen drehen sich darüber, dass „besser wieder aufgebaut werden soll“. Besser nicht nur im Hinblick auf verbesserten Widerstand gegen Erdbeben, sondern auch im Hinblick auf Gleichberechtigung.

Jane Carter
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