Unter der Lupe: der faire Handel

Kathrin Krämer, 06. Juli 2016
Unter der Lupe: der faire Handel

Sie tauchen immer wieder auf: die kritischen Medienberichte, die die Wirksamkeit des fairen Handels in Frage stellen. Doch was ist dran an der Kritik? Lesen Sie hier 4 oft gehörte Vorwürfe – und unsere Antworten darauf.

Vorwurf 1:
DIE BAUERN PROFITIEREN KAUM VOM FAIREN HANDEL
Ein bedeutender Teil des Preisaufschlages für fairen Handel gelange nicht zu den Bauern, sondern bleibe bei den Verteilorganisationen und den Detaillistinnen im Norden, sagen Kritiker. Die Rede ist von einem Marketing-Paradox: Dem Erfolg des fairen Handels im Norden stehe ein Mangel an Wirkung im Süden gegenüber.

UNSERE ANTWORT
Die Gewinne des Detailhandels stehen nicht im Widerspruch zu den Grundwerten des fairen Handels. Langfristig wird sich der faire Handel nur durchsetzen können, wenn er allen Gliedern der Wertschöpfungskette – also auch dem Detailhandel im Norden – attraktive Margen ermöglicht. Auch wenn der faire Handel nicht in jedem Fall garantieren kann, dass sich die Lebensumstände für beteiligte Kleinbauern im Süden klar verbessern, bringt das System insgesamt deutliche Vorteile. So belegt eine vom Staatssekretariat für Wirtschaft SECO in Auftrag gegebene Studie den ökonomischen Nutzen für die Produzentenorganisationen und zeigt auf, dass der faire Handel die ländliche Entwicklung fördert.

Neben Preisstabilität und Prämien bringt der faire Handel weitere Vorteile: Produzentenorganisationen werden gestärkt, demokratische Organisationsstrukturen und technische Verbesserungen werden eingeführt. Ausserdem ermöglicht der faire Handel den Zugang zu Absatzmärkten und langfristige Handelsbeziehungen. Im System von Fairtrade International haben Produzentinnen in Entscheidungsgremien und internationalen Komitees 50 Prozent Stimmgewicht. Diese gleichberechtigte Beteiligung der Basis in den Entscheidungsgremien der Labelorganisation ist eine Stärke des Systems, auch wenn sie am Markt im Norden immer wieder zu Schwerfälligkeiten führt.

Die Wirkung von fairem Handel lässt sich folglich nicht nur in Franken pro Kilo messen. Entscheidend sind langfristig höhere und stabilere Einkommen dank eines verbesserten Marktzugangs.

Vorwurf 2:
LOHNARBEITENDE SIND VOM FAIREN HANDEL AUSGESCHLOSSEN
Eine Studie der School of Oriental and African Studies (SOAS) der University of London kommt zum Schluss, dass Lohnarbeitende in Äthiopien und Uganda auf kleinbäuerlichen Schnittblumen-, Kaffee- und Teeplantagen mit Ethiksiegel mitunter weniger verdienen würden als Angestellte grosser konventioneller Farmen. Zudem würden Lohnarbeitende, Subunternehmer und insbesondere Gelegenheitsarbeitskräfte auf Kleinbetrieben in den Standards zu wenig berücksichtigt.

UNSERE ANTWORT
Tatsächlich profitieren Tagelöhnerinnen in kleinbäuerlichen Strukturen oftmals nicht oder noch zu wenig von den Vorteilen des fairen Handels. In der genannten Studie wurden jedoch nicht explizit Arbeitende auf Fairtrade-­zertifizierten Kooperativen befragt, sondern ganz allgemein Arbeitende in Gebieten mit und ohne solcher Kooperativen. Eindeutige Schlüsse über die Wirkung des fairen Handels im Allgemeinen können deshalb nicht gezogen werden.

Trotzdem hat Fairtrade International die Kritik zum Anlass genommen, ihren Standard mit der Workers Rights Strategy weiterzuentwickeln. Diese sieht vor, reguläre Anstellungsverhältnisse für Lohnarbeitende zu fördern sowie schrittweise existenzsichernde Löhne auf zertifizierten Plantagen durchzusetzen. Für Helvetas ist eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Standards elementar, um die Wirkungen des fairen Handels zu steigern.

© Michele Limina / Helvetas

Vorwurf 3:
ZUGESTÄNDNISSE AN GROSSE MARKTAKTEURE VERWÄSSERN DIE STANDARDS
Die Fairtrade-Sourcing-Programme für Kakao, Zucker und Baumwolle und der sogenannte Mengenausgleich für Kakao, Fruchtsaft, Tee und Zucker seien schädliche Versuche, den fairen Handel in die Breite wachsen zu lassen. Ungerechte Arbeitsbedingungen könnten damit kaschiert werden und zertifizierte Unternehmen würden in ein unverhältnismässig gutes Licht gerückt. Die Rückverfolgbarkeit dieser Produkte sei nicht mehr gewährleistet, und die Konsumenten würden getäuscht.

UNSERE ANTWORT
Im herkömmlichen fairen Handel stammen die meisten Produkte 1:1 von der Produzentenorganisation, welche das Fairtrade-Produkt gepflegt und geerntet hat. Das gilt für zertifizierte Früchte, Rosen, Nüsse, für Kaffee, Reis, Honig oder Baumwolle, die das Fairtrade-Label aufweisen. Bei all diesen Rohstoffen ist die sogenannte physische Rückverfolgbarkeit gewährleistet. Wo eine durchgehend physische Trennung nicht garantiert werden kann – bei Kakao, Fruchtsaft, Tee und Zucker –, wird der sogenannte Mengenausgleich gestattet. Das heisst, die physische Rückverfolgbarkeit ist nicht mehr eindeutig erkennbar.

Der Mengenausgleich findet Anwendung, wo eine Trennung von fairen und konventionellen Rohstoffe aus technischen Gründen nicht möglich oder zu aufwändig ist. Er muss auf den Produkteverpackungen deklariert werden. Helvetas teilt die generelle Kritik am Mengenausgleich und an den neuen Fairtrade-Sourcing-Programmen nicht. Es ist wichtig, dass verschiedene Wege erschlossen werden, um fair gehandelte Produkte in den Markt zu bringen. Wenn sich Unternehmen oder Grossverteiler ernsthaft für den fairen Handel engagieren und die Rahmenbedingungen einhalten, unterstützt Helvetas ihr Engagement.

Gleichzeitig werden klare Kriterien für das faire Engagement der Unternehmen gefordert, um zu verhindern, dass ein Label als Feigenblatt für ungerechte Handelsbeziehungen benutzt werden kann. Ein solches Engagement soll klare Wachstumsziele aufzeigen und einen Mindestanteil im Gesamteinkauf des Unternehmens anstreben. Die strengen Vorschriften für Anbau und Verkauf der Rohwaren werden durch dieses neue Label nicht gelockert. Die Vorschriften gelten auch in den neuen Programmen uneingeschränkt für alle Fairtrade-Rohstoffe, die ein Lebensmittelhersteller verarbeitet und deklariert.

Das neue Label ermöglicht jedoch die Erschliessung von Produktebereichen, die bisher für den fairen Handel verschlossen blieben. So konnte der globale Absatz von Fairtrade-Kakao im Jahr 2014 dank dem Fairtrade Cocoa-Programm um 20 Prozent gesteigert werden.

Vorwurf 4:
ZERTIFIZIERUNGEN UND lIZENZEN VERURSACHEN ZU HOHE VERBRAUCHERPREISE
Medien und kritische Unternehmen bemängeln, die Verbraucherpreise im fairen Handel seien zu hoch. Grund für die Preisaufschläge seien die hohen Systemkosten für Marketing, Kommunikation und für die Zertifizierung. Die Einnahmen über Lizenzgebühren seien bei Fairtrade International höher als die gesamten Prämienzahlungen an die Produzenten im Süden. Zudem würden die Zertifizierungskosten die finanziellen Möglichkeiten interessierter Produzentinnen oft übersteigen.

UNSERE ANTWORT
Bezüglich Zertifizierung und dem damit verbundenen Aufwand liegt ein Zielkonflikt vor, der sich nicht auflö­sen lässt. Konsumenten, die einen Preiszuschlag in Kauf nehmen, wollen sicher sein, dass sie damit tatsächlich den fairen Handel unterstützen und dass die strengen Richtlinien auch eingehalten werden. Sie haben ein Anrecht darauf, dass diese Richtlinien genau und regelmässig überprüft werden. Doch die Separierung in der Verarbeitung, Lagerung und beim Transport, die Dokumentation der Waren- und Geldflüsse, die Kontroll- und Zertifizierungskosten sowie allfällige Lizenzgebühren haben ihren Preis.

Gleichzeitig wünschen sich Konsumentinnen aber, dass ein möglichst grosser Anteil des Kaufpreises den Produzenten im Süden zugutekommt. Für Helvetas ist wichtig, dass die Kontrollen möglichst effizient und die Zertifikate glaubwürdig sind. Die von der Max Havelaar-Stiftung eingeleitete Senkung der Lizenzgebühren ist daher begrüssenswert. Wichtig ist zudem, dass die Prämie nebst den Kosten für die Einhaltung der Anforderungen auch die Zertifizierungskosten abdeckt. Oftmals übernehmen auch Handelspartnerinnen einen Teil der Zertifizierungskosten.

Helvetas unterstützt aber auch andere Handelsmodelle, die den direkten Kontakt zwischen Konsumenten und Produzentinnen definieren. Ein Beispiel dafür ist der Verhaltenscodex des Helvetas FAIRSHOP. Auch Handelspartnerschaften, welche die Prämie erst am Ende der Handelskette auf das Produkt schlagen, oder zertifizierungsunabhängige Kontrollmechanismen wie zum Beispiel das partizipative Garantiesystem (PGS) tragen zum fairen Handel bei. Eine Zertifizierung soll erst ins Auge gefasst werden, wenn ein Markt für das zertifizierte Produkt gegeben ist.

Autor

Kathrin Krämer

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