The “real” Nepal

Simon Ming, 30. September 2015
The “real” Nepal

Leonie Hensgen studiert am NADEL und ist 2015 für Helvetas in Nepal als Projektassistentin im Einsatz. Leonie arbeitet im Bereich Governance und Peace. Im April hat sie bereits ihre ersten Eindrücke im Blog geschildert. Die hier beschriebenen Feldbesuche führten sie in Gegenden, die vom schweren Erdbeben im April nicht betroffen waren. 

Bereist man Nepal, bekommt man von vielen Seiten in Kathmandu zu hören, dass die Hauptstadt eigentlich nicht das “wirkliche” Nepal abzeichnet. Vielmehr muss man in die Berge fahren und sehen wie die Menschen dort leben, um Nepal verstehen zu können. In Kathmandu gibt kleine Cafés an jeder Ecke, Bäckereien mit Vollkornbrot und Croissants haben sich etabliert und wenn man sich ein wenig auskennt findet man sogar Restaurants, die Zürcher Geschnetzeltes anbieten. Es kommt meistens warmes Wasser aus der Dusche. Natürlich ist dies ein Luxus, den sich bei weitem nicht alle in der Hauptstadt leisten können. Doch insbesondere in den Vierteln, wo die Büros der internationalen Organisationen angesiedelt sind, lebt die Mehrheit der Menschen so.

Es kann sehr angenehm sein, zumindest einen gewissen Standard in seinem Leben nicht aufgeben zu müssen, doch letztlich arbeiten wir nicht in einem Entwicklungsland wie Nepal, um das zu geniessen was wir von daheim kennen. Wir arbeiten hier, um zu lernen, wie die Menschen vor Ort leben, was sie umtreibt und beschäftigt und mit welchen Herausforderungen sie alltäglich kämpfen. Die Chance, das ländliche Leben in Nepal kennen zu lernen, bot sich mir im Rahmen meines Praktikums bei Helvetas. Ich sollte im Nordwesten Nepals mit den Menschen über lokale Gouvernanzstrukturen sprechen und herausfinden, wie Planungsaktivitäten in Angriff genommen werden. Für knapp zwei Monate machte ich mich somit auf den Weg, um the „real“ Nepal zu entdecken.

© Helvetas, Leonie Hensgen

Interviewpartner im Gespräch

In Kalikot, dem ersten Distrikt in dem ich meine Befragungen durchführte, ist ausser dem Hauptort bisher keins der Dörfer mit einer befahrbaren Strasse zugänglich. Folglich packten auch wir unsere Rucksäcke und machten uns zu Fuss auf den Weg dorthin.

Die Wege waren lang und führten meist steil bergauf und bergab. Wir wanderten zügig. Trotzdem überholten uns die meisten Nepalis ohne Mühe. Sie lachten uns nett zu und freuten sich über die Songs, die laut aus ihren Handys trällerten, obwohl viele bis zu 30kg auf ihrem Rücken trugen, Flip Flops an den Füssen hatten und viel längere Tagesetappen zurücklegten als wir.

Eine junge Frau erzählte uns, dass ihre Familie eine kleine Apotheke in einem der Bergdörfer eröffnet hatte. Zweimal im Monat macht sie sich alleine auf dem Weg, um Medikamente und Verbandsmaterialien zu kaufen, die sie dann in einem Korb auf ihrem Rücken zurück in ihr Dorf trägt. Sie war vielleicht 16. Ihr Korb war knapp 30kg schwer und mehr als zwei Tage durfte sie für ihre „Besorgungen“ nicht brauchen, da sie neben der Arbeit in der Apotheke auch auf dem Feld gebraucht wurde. Um 4:00 Uhr war sie aufgebrochen. Sie hatte vor bis zum Einbruch der Dunkelheit zu laufen, um früh am nächsten Tag ihr Dorf zu erreichen.

Jugendliche wie dieses Mädchen sah ich viele auf dem Weg. In den meisten Fällen hatten sie nur die Grundschule abgeschlossen und wurden dann als arbeitende Kraft im Haushalt gebraucht. Kleinkinder werden sehr früh sich selbst überlassen. Mehrere Situationen, in denen ich den Atem vor Sorge anhielt, weil ein kleines Kind an einem steilen Abhang spielte, auf einer hohen Treppe krabbelte oder Wasser aus den Pfützen trank haben die Eltern gar nicht bemerkt. Besonders eindrücklich für mich war eine Situation, die sich nachts in einem der Häuser abspielte,  wo wir untergebracht waren. Ich hatte mich gegen eins der kleinen und dunklen Zimmer entschieden und schlief auf einer Matte auf der Veranda. Mitten in der Nacht wurde ich von dem lauten Geschrei eines Babys geweckt, das mit seinen Eltern in einem der Zimmer lag. Ich war unsicher, wollte nicht einfach in das Zimmer gehen, in dem eine fremde Familie schlief. Doch machte ich mir Sorgen um das Kind. Das Kind schrie und schrie, ohne dass etwas passierte. Plötzlich fühlte ich kleine nasse Hände an meinem Arm. Das Baby war aus dem Zimmer gekrabbelt und hatte sich selbst auf die Suche nach Hilfe gemacht. Es hatte Fieber und war bereits patschnass geschwitzt. Ich nahm das Baby auf den Arm, versucht es zu beruhigen doch jegliche Bemühungen waren zwecklos. Meine Übersetzerin, die inzwischen auch wach war entschied sich letztlich, die Eltern zu wecken. Es bedurfte eines ziemlich heftigen Schüttelns, bis die Mutter aufwachte und die Schreie ihres Kindes realisierte. Schlaftrunken legte sie das Kind an ihre Brust und schlief direkt wieder ein. Die Muttermilch schien zu helfen, das Baby verstummte. Wie und ob überhaupt etwas gegen das Fieber unternommen wurde weiss ich nicht.

Das Unverständnis über eine vielleicht sorglose Mutter weicht schnell, wenn man sieht und versteht, wie hart insbesondere Frauen in den Bergen tagtäglich arbeiten müssen. Ich lernte viel über den Alltag der Frauen indem ich ihren Geschichten zuhörte und sie beobachten konnte, doch die Erkenntnis, die mir in dieser Nacht kam als ich merkte, dass nicht einmal das schreiende, hilflose eigene Baby eine Mutter aus dem Schlaf rüttelt, war um einiges prägender als jegliche Worte.

Meine Zeit in den Bergen war wahnsinnig eindrücklich. Sehr dankbar und traurig bin ich nach Kathmandu zurückgekehrt. Dankbar für das Leben, das ich führen darf und traurig weil mir bewusst wurde, dass es noch eines langen Prozesses bedarf, bis die Entwicklung bei denen Menschen in den Bergen ankommt, auf die jeder ein Recht hat. Ob man das „real“ Nepal in Kathmandu oder in den Bergen findet weiss ich nicht. Sicher ist jedoch, dass es zwei Welten sind, die sich nicht miteinander vergleichen lassen.

Simon Ming
Autor

Simon Ming

Online Editor

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