10 Jahre nach Tsunami: Neustart in Sri Lanka

Kathrin Krämer, 26. Dezember 2014
10 Jahre nach Tsunami: Neustart in Sri Lanka

Helvetas hatte in Sri Lanka gerade erst ihre Entwicklungsprojekte abgeschlossen und wollte sich aus dem Land zurückziehen, als sich am 26. Dezember 2004 das Jahrhundert-Seebeben ereignete. Der dadurch ausgelöste Tsunami hat in Sri Lanka grosse Schäden angerichtet und nach Schätzungen über 35’000 Menschen das Leben gekostet. Wir haben mit unserer langjährigen Entwicklungsarbeit an der Ostküste ein eingespieltes Netzwerk von lokalen Behörden und Organisationen aufgebaut, was für die geleistete Soforthilfe und die anschliessende Wiederaufbauarbeit von grossem Nutzen war.

Christian Oswald, der damals als Programmkoordinator Sri Lanka für die Tsunami-Projekte verantwortlich war, ist eben erst aus einer Evaluationsreise zurückgekehrt, wo er die wieder aufgebauten Häuser und öffentlichen Bauten, die Wasserversorgungen und die Einkommenssicherungsprojekte von Helvetas besucht hat. Der grösste Teil der von der Glückskette zur Verfügung gestellten Mittel wurde in den Hausbau investiert. Hier zieht Oswald ein positives Fazit und erklärt: „Ein neues Haus zu bauen hätte die Ressourcen und Mittel der Familien stark belastet, sodass an eine Erwerbstätigkeit oder Bildung gar nicht zu denken gewesen wäre. So konnten sich die Menschen auf den Neustart konzentrieren.“

Umsiedlung nach Thiramaidu

Die Regierung Sri Lankas hat direkt nach der Katastrophe eine Pufferzone in Küstennähe verfügt. Dort durfte wegen des erneuten Tsunami-Risikos niemand mehr bauen, weshalb Zehntausende Menschen umgesiedelt werden mussten. Helvetas hat im Distrikt Batticaloa zwei Dörfer (teilweise) an neuer Stelle aufgebaut und dabei bewusst beide im Bürgerkrieg stehenden Kriegsparteien berücksichtigt.

Das eine ist Thiramaidu, wohin eine gemischte Gemeinschaft aus Burghern und Tamilen umgesiedelt wurde. Dabei handelte es sich grösstenteils um Handwerker, die ihr Gewerbe auch am neuen Ort wieder aufnehmen konnten. Helvetas hat in Thiramaidu 100 Häuser errichtet und andere Organisationen beim Aufbau von weiteren hundert Häusern unterstützt.

Christian Oswald freut sich darüber, dass die Häuser noch immer in gutem Zustand und sehr wohnlich sind; viele davon wurden sogar ausgebaut. Von den ursprünglich 180 Familien ist Thiramaidu zu einer kleinen Stadt herangewachsen, in der heute fast 6000 Menschen leben. Es gibt Schulen und viele lebendige Wohnquartiere. Auch der Kindergarten und das Gemeinschaftszentrum, die Helvetas im Rahmen des Wiederaufbaus errichtet hat, sind integrierte Bestandteile der Stadt.

„Ich bin beeindruckt, wie dynamisch sich Thiramaidu seit meinem letzten Besuch entwickelt hat – der Start vor fast zehn Jahren war harzig: Helvetas musste die Zufahrtsstrasse selbst errichten, die eigentlich von der Regierung hätte bereitgestellt werden sollen, damit die Aufbauarbeiten zügig beginnen konnten.“

2008 wurde das Projekt von Helvetas abgeschlossen.

Wiederaufbau in Panichchankerni

© Helvetas

Das Dorf Panichchankerni wurde durch den Tsunami komplett zerstört. 88 Häuser konnten am gleichen Ort wieder errichtet werden. Diese sind nach wie vor gut erhalten. In weniger gutem Zustand seien die Häuser von 42 Familien, die von der Buffer Zone nach Panichchankerni umgesiedelt werden mussten.

„Den Menschen fehlen hier teilweise die Mittel für Renovationsarbeiten“, weiss Christian Oswald. „Ausserdem hat der Bürgerkrieg seine Spuren hinterlassen. Kurz nachdem sie in ihre neuen Häuser eingezogen waren, wurden sie wieder vertrieben.”

Die Tamil Tigers hatten sich 2006 in den Häusern verschanzt, die in der Folge durch Kriegshandlungen beschädigt wurden. Als die Frontlinien sich wieder verschoben, konnten die Menschen zurückkehren. Gemeinsam wurde entschieden, die Häuser wieder in Stand zu stellen. Die Situation war aber bis zum Kriegsende 2009 unsicher.

Anschluss ans Wassernetz in Kallar und Batti

© Helvetas

Die Brunnen der beiden Dörfer Koddai Kallar und Periya Kallar waren nach dem Tsunami versalzen und verdreckt. Die Häuser waren nicht ans Wassernetz angeschlossen, dieses endete am Rande des Dorfes. „Der Anschluss an die Wasserversorgung ist ein sehr gutes Beispiel für die Kooperation und Koordination mit anderen Hilfsorganisationen“, sagt Christian Oswald. Eine japanische Organisation hat die Brücke zur Insel, auf der sich die Dörfer befinden, wieder aufgebaut. Auf dieser Brücke hat Helvetas die neue Wasserleitung verlegt. Eine dänische Organisation hat einen Wasserturm gebaut, der ebenfalls ans Netz angeschlossen wurde. Das ganze Projekt stand unter der Leitung der lokalen Behörden.

Bis auf ein paar wenige Häuser profitieren heute alle von der neuen Infrastruktur, die nach wie vor internationalen Standards genügt, wie sich Christian Oswald vergewissern konnte. Es gibt heute sogar eine Hotline, bei der Störungen gemeldet werden können.

Direkte Unterstützung zur Einkommenssicherung in Ampara

Etwa 5500 Männer und Frauen konnten dank einem Projekt im Distrikt Ampara ihre Erwerbstätigkeit nach dem Tsunami wieder aufnehmen. Wer seine Erwerbsgrundlage wegen des Tsunami verloren hatte, erhielt von Helvetas direkte finanzielle Hilfe. Damit konnten sich die Menschen beispielswiese wieder einen Webstuhl beschaffen, einen neuen Quartierladen oder Coiffeursalon einrichten oder wieder als Hühnerzüchter oder Kerzenmacher tätig sein.

Nicht alle damals unterstützten Personen seien noch auffindbar. „Sie heiraten, wechseln ihre Arbeit oder ziehen weg“, erklärt Oswald. Wenn jemand in seiner ursprünglichen Tätigkeit gut gewirtschaftet hatte, konnte er den Gewinn in ein neues, lukrativeres Geschäft investieren. „Natürlich hängt es von der Geschäftstüchtigkeit des Einzelnen ab, ob er oder sie aus einer Kuh vier gemacht hat oder ob es bei einer geblieben ist.“

Kathrin Krämer
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3 Kommentare zu «10 Jahre nach Tsunami: Neustart in Sri Lanka»

  1. Lieber Simon Ming
    wir haben für unseren Dokumentarfilm BUFFER ZONE – siehe auch: http://www.bufferzone.ch – die von ihnen beschriebenen Umsiedlungsprojekte besucht, und dort auch gedreht. Zu ihrem Text haben wir folgende Kommentare: Die Burger-Gemeinschaft in Thiraimadu ist KEINE singhalesische Gemeinschaft! Hier handelt es sich um Christen – Nachkommen von Mischehen zwischen Europäern und enheimischen Tamilinnen – und in diesem Fall wohl seltener – Singhalesinnen. – Uns ist nicht bekannt, dass Thiraimadu über ein eigenes Spital verfügt. – Und zu Panichchankerni: Die 42 umgesiedelten Familien kommen nicht von ausserhalb, sondern lebten zuvor in jenem Dorfteil, der zur Buffer Zone erklärt wurde.
    Mit freundlichen Grüssen – Gabriela Neuhaus

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    • > Liebe Frau Neuhaus, danke für Ihre Rückmeldungen. Ich habe diese mit Christian Oswald überprüft und es haben sich tatsächlich einige Unstimmigkeiten eingeschlichen.
      – Die beiden Dörfer, in denen Häuser wieder aufgebaut wurden, wurden ausgewählt, um die beiden Kriegsparteien zu berücksichtigen. Thiramaidu ist eine Gemeinschaft aus Tamilinnen und Tamilen und Burghern.
      – Das Spital in Thiraimadu ist erst im Bau
      – Die umgesiedelten Familien stammen aus der Pufferzone.
      Die Fakten habe ich inzwischen im Blogbeitrag korrigiert.
      Beste Grüsse, Simon Ming

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