Soll ich bleiben oder gehen?

Jane Carter, 23. November 2014
Soll ich bleiben oder gehen?

Das ist die Frage, mit der sich viele Frauen in Sri Lanka heutzutage beschäftigen. Frauen, die zuhause mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert sind und von der Aussicht auf ein besseres Leben angezogen werden. Die Migration von Frauen aus Sri Lanka als Haushaltshilfen in wohlhabendere Staaten, insbesondere in die Golfregion, ist in den letzten 30 Jahren explodiert. Pro Jahr gibt es rund 290‘000 Arbeitsmigranten, von denen ungefähr die Hälfte Frauen sind. Sie erwirtschaften im Ausland jährlich einen Umsatz von 7 Milliarden US-Dollar für ihre Heimat.

Durch die langfristige Trennung der Familien und immer lauter werdende Diskussionen über das Wohlergehen der zurückgelassenen Kinder ergeben sich aber unvermeidbare soziale Kosten.

Unser Projekt zum Thema Migration

In diesem Kontext setzt das Helvetas Projekt für sichere Arbeitsmigration ein. Bei einem Besuch unseres Kollegen und Projektleiters aus Sri Lanka, Ranjan Kurian, hatte ich die Möglichkeit, mich direkt mit ihm auszutauschen. Ranjan erklärte, dass er Sozialarbeiter bei Hausbesuchen begleitet und dadurch die Möglichkeit erhält, viele Familien aus dem ländlichen Gebiet im Südwesten des Landes kennenzulernen. Es zeichnet sich durch kleine, intensiv bewirtschaftete Hausgärten, Reisfelder sowie an der Küste gelegene Kokosnussplantagen aus.

Die migrationswilligen Frauen gehören oft nicht zu den ärmsten Schichten der Bevölkerung, sondern sind Menschen, die ihre Lebenssituation verändern wollen. Dahinter steht nicht nur die Hoffnung auf ein besseres Einkommen, sondern häufig auch die Flucht vor häuslicher Gewalt. Es kann dabei jedoch passieren, dass sie am Ende vom Regen in die Traufe kommen. Laut offiziellen Statistiken beschweren sich jährlich gegen 1500 Frauen über körperliche Gewalt und sexuelle Belästigung in ihren Gastgeberländern. Unsere Erfahrungen zeigen, dass dabei viele Fälle nicht gemeldet werden und das wahre Ausmass des Problems wesentlich grösser ist.

Migrationswillige beim Treffen der richtigen Entscheidung unterstützen

Das Ziel unseres Projektes ist es, alle potenziellen Migranten so zu unterstützen, dass sie eine fundierte Entscheidung treffen können. Sie erfahren mehr über ihre Rechte und werden auf mögliche Fallstricke hingewiesen, die es zu vermeiden gilt. Ausserdem können sie sich besser auf die neue Lebenssituation vorbereiten und haben eine bessere Vorstellung von dem, was sie im Gastgeberland erwartet.

Hinsichtlich der sozialen Probleme, die sich in den Migrantenfamilien ergeben, konzentriert sich die öffentliche Diskussion auf das Fehlen der fürsorgenden Mütter, anstatt sich damit zu beschäftigen, wie man die Erziehungskompetenz der Männer verbessern kann. Im Rahmen des Projektes wurde begonnen, diese Probleme auf Gemeindeebene öffentlich zu besprechen, wobei sich unter den Teilnehmern wesentlich mehr Frauen als Männer finden. Es ist jedoch nicht so, dass sich die zurückbleibenden Ehemänner weiblicher Migranten der Besprechung familiärer Probleme in einem privateren Umfeld entziehen. Mit dem Sozialarbeiter des Projekts reden die Männer sehr offen über die Probleme, die sich durch die Übernahme der Erziehungsverantwortung ergeben, oder auch über die Versuchung, sich dem Alkohol zuzuwenden.

Beratung nach der Rückkehr

Auch die heimkehrenden Mütter sehen sich mit psychosozialen Problemen konfrontiert, wenn sie sich wieder an ihr altes Leben gewöhnen müssen. Ebenso wie die Männer nutzen auch sie die entsprechenden Beratungsangebote, in manchen Fällen erhalten sie auch rechtliche Hilfe von ausgebildeten Anwaltsgehilfen, wenn sie in Missbrauchsfällen auf eine Entschädigung pochen möchten.

Wäre es besser, einfach vom Auswandern abzuraten? Ranjan antwortet zurückhaltend: „Jeder sollte das Recht haben, für sich selbst zu entscheiden, ob die Migration das Richtige für ihn ist, natürlich in Abstimmung mit den anderen Familienmitgliedern. Wir können ihnen nicht sagen, was sie tun sollen – aber wir können ihnen dabei helfen, sich zu informieren und eine fundierte Entscheidung zu treffen.“

 

Dies ist eine gekürzte Fassung des Artikel auf unserem englischsprachigen Blog

Jane Carter
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Jane Carter

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