Nepal ist nicht Hawaii

Simon Ming, 11. März 2015
Nepal ist nicht Hawaii

Der Klimawandel bereitet den Menschen in Nepal grosse Probleme: der Monsun kommt je länger, je unregelmässiger und die durchschnittlichen Temperaturen variieren je länger je mehr. Dazu sind die die Böden in Nepal oft ausgelaugt. Damit sich benachteiligte Bevölkerungsschichten, Kleinbauern und insbesondere Frauen ein Einkommen sichern können, braucht es Pflanzen, die mit den sich verändernden Bedingungen zurecht kommen.

Das ist die Ausgangslage für Andrea Barrueto. Sie untersucht* gegenwärtig, welche Pflanzen, insbesondere Nussbäume, wo und unter welchen Bedingungen am besten gedeihen. Die Arbeit hört dort nicht auf. Die Ernte will schliesslich zu einem guten Preis verkauft werden, damit sich die Lebenssituation der Menschen letztlich auch verbessert. Heute blicke ich Andrea über die Schulter und lasse mir zeigen, wie so eine Studie abläuft.

Andrea in Nepal

Andrea in Nepal

Andrea kennt das Land durch die frühere Arbeit in einem Klimaprojekt gut. Beim Besuch einer biologischen Gärtnerei begegnete sie einem pensionierten, amerikanischen Paar, das den lokalen Bauern verschiedene Nuss- und Fruchtbäume anbietet: in ihrer Gärtnerei werden Baumnüsse, Mandel-, Pekan- und Macadamiabäume aufgezogen.

Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz beschafft sich Andrea alle verfügbaren Infos zu den Nusssorten. Macadamianüsse werden insbesondere in Hawaii angebaut. „Nepal ist aber nicht Hawaii. Man kann die Situation nicht eins zu eins auf Nepal übertragen,“ erklärt sie. Deshalb muss ein Modell her: wo stimmen die Bedingungen, damit die Pflanzen gedeihen können? In welchen Gegenden könnte das zukünftige Projekt überhaupt durchgeführt werden? Erreichen wir so die benachteiligten Menschen? Es zeigt sich, dass in Nepal grundsätzlich einige Nusssorten in einem grossen Gebiet angebaut werden könnten.

Welche Nussbäume wachsen wo?

Auf nach Nepal also. Schon die einfache Frage danach, welche Nusssorten angebaut werden und wo, ist in einem Land wie Nepal nicht einfach zu beantworten. Andrea: „Ich bin im ganzen Land umhergereist und allen möglichen Hinweisen nachgegangen. So habe ich in Erfahrung gebracht, dass insbesondere Macadamia- und Walnüsse gut zu gedeihen scheinen. Mit GPS haben wir die Bäume erfasst und auf die Karte eingetragen.“

Durch die Begegnungen mit verschiedenen Bauern erfuhr Andrea, dass reichere Bauern und Bäuerinnen in Nepal bereits heute Nüsse anbauen und damit gute Preise erzielen. „Ich untersuche, ob man dies multiplizieren kann: inwiefern kommt der Nussanbau auch für die benachteiligten Menschen in Frage? Welche Sorten sind für den Anbau in welchen Regionen besonders geeignet? Und wo gibt es letztlich überhaupt genug Nachfrage und Absatzmöglichkeiten für die Ernte? Wenn einer dieser Aspekte nicht zufriedenstellend umgesetzt werden könnte, gibt es aus dem Ansatz kein Projekt.“

Wer heute Nüsse anbaut, lebt in der Nähe einer Baumschule und kann sich das dafür nötige Wissen beschaffen. Diese Möglichkeit haben die benachteiligten Bäuerinnen und Bauern nicht. Andrea will klären, wie man das ändern kann. Dazu kommt ein weiterer Aspekt, den sie analysiert: die Auswirkungen des Klimawandels. Welche Gegenden werden in Zukunft zu heiss oder zu trocken sein, gerade für die Walnüsse? Und welche Gegenden profitieren (für einmal) vom Klimawandel und werden sich sich in Zukunft für die Nüsse eignen? Diese Fragen modelliert Andrea auf einer Karte.

Der Faktor Mensch

Ende März wird Andrea wieder nach Nepal reisen. Dann wird sie soziokulturelle Fragen klären. Bereits bei ihren bisherigen Besuchen hat sie Menschen getroffen, deren Erfolg im Nussanbau ganz unterschiedlich ausfällt. Zum Beispiel Ashok Gurung, der nach seiner Pensionierung mit dem Nussanbau angefangen hat. Bei ihm läuft es, er hat 15 ausgereifte Bäume, die ihm ohne viel Aufwand ein zusätzliches Einkommen von 200 Dollar jährlich bescheren. Seine grösste Sorge sind die Diebe, die junge Pflanzen ausgraben und mitnehmen, und die Kinder, die auf seine Bäume klettern. Als Lösung hat er die Bäume unter dem Tempel angepflanzt, so hat er die Übersicht. Für die Kinder hat er einen Baum nahe dem Weg zur Schule gepflanzt, damit sie dort klettern können.

Aber da ist auch Familie Basyal, die 50 Bäumchen gepflanzt hat, die aber nicht recht wachsen wollen. Da die Familie keinen Rat weiss, lässt sie die Pflanzen serbeln. Andrea: „Die Klärung der Frage, warum die einen erfolgreich sind und die anderen nicht, liefert wichtige Infos, die ins Projektdesign einfliessen werden. Mit Dutzenden von Interviews, die unsere lokalen Mitarbeiter ausführen werden, versuchen wir herauszufinden, was wir in Bezug auf die Familien, ihr Zusammenleben und in Bezug auf Geschlechterfragen berücksichtigen müssen, damit ein mögliches Projekt erfolgreich ist.“

Im letzten Schritt wird Andrea schliesslich die Absatzmöglichkeiten in Nepal und der Schweiz untersuchen. Sollen die Bäuerinnen und Bauern die Nüsse gleich schälen? Wenn ja, gibt es in Nepal dafür geeignete Maschinen? Oder sollen sie die Nüsse zu Öl verarbeiten? Gibt es Möglichkeiten, die Zeit, bis so ein Baum Nüsse trägt mit Mischkulturen oder zu überbrücken? Viele Fragen sind noch offen, bevor das Projekt lanciert werden kann.

 

* Die Studie läuft unter dem Informal Sector Enterprise Development and Employment Generation Programme (ELAM) von Helvetas in Nepal. Sie wird betreut von einem Expertenteam des Centre for Development and Environment (CDE) der Universität Bern.

Simon Ming
Autor

Simon Ming

Online Editor

kommentieren Sie DIESen Beitrag

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Zeichen verfügbar 600 Antworten abbrechen

1 Kommentare zu «Nepal ist nicht Hawaii»

  1. Verena Barrueto

    12. März 2015 um 06:46

    Ein informativer Kommentar der aufzeigt, wie kompliziert so ein Projekt ist und was es alles zu berücksichtigen gibt. Entwicklung zur Zusammenarbeit ist vielschichtig, wenn sie zu einem Erfolg führen soll. Probleme sollen dargestellt werden. Ich wünsche allen Beteiligten, nicht zuletzt meiner Tochter, alles Gute.

    Antworten