NADEL: Abstraktes wird fassbar

NADEL-Praktikum, 15. Mai 2015
NADEL: Abstraktes wird fassbar

Dieser Beitrag entstand vor den Erdbeben in Nepal Ende April 2015.

Nach zwei gemeinsamen Einstiegswochen in Kathmandu haben sich die Wege von Leonie und mir getrennt. Ich reiste nach Birendranagar in den Westen Nepals, Standort des Hauptbüros des Water Resources Management Programs (WARM-P) und damit mein Wohn- und Arbeitsort für die nächsten sieben Monate. Die 14 festen Mitarbeiter des WARM-P Team haben mich herzlich aufgenommen und waren sich auch nicht zu schade, dem Neuling beizubringen, wie am Mittag mit den Händen gegessen wird (auf dem Menuplan: Dal-Bhat, die traditionelle und sehr leckere Reis-Linsen-Curry-Kombo). Das eigentliche Projektgebiet liegt in den ländlichen Gegenden der umliegenden Hügeldistrikte Achham, Dailekh, Jajarkot und Kalikot, wo durch das Projekt der Zugang zu Wasser und sanitären Anlagen sowie eine ganzheitliche Bewirtschaftung der Wasserressourcen gefördert werden.

Mein neuer Wohnort ist eine Kleinstadt, welche – insbesondere im Kontrast zu Kathmandu – angenehm ruhig und grün gelegen ist. Zuverlässige Stromversorgung ist aber auch hier ein Luxusgut. Damit die Bevölkerung nicht völlig unverhofft im Dunkeln sitzt, gibt es einen „Load Shedding Schedule“, einen Zeitplan, wann welche Region mit Strom versorgt wird. Demnach ist täglich mit 4 bis 8 Stunden Stromausfall zu rechnen. Haushalte welche es sich leisten können, legen sich deshalb Solar-Panels und Überbrückungsbatterien zu.

© Helvetas

Birendrangar im Überblick. Hier bin ich in den nächsten Monaten stationiert.

Ähnlich sieht es mit der Wasserversorgung aus: Während in Kathmandu die Wasserressourcen vor Ort längst verschmutzt und/oder übernutzt sind und täglich Tausende von Wassertankern Trinkwasser in die Stadt fahren, haben viele Quartiere von Birendranagar Anschluss an ein Wasserverteilnetz. Da jedoch nicht genügend Wasser zur Verfügung steht, um das ganze System zeitgleich bedienen zu können, werden die Quartiere im Turnus mit Wasser versorgt. Mein Quartier ist jeweils morgens und abends um 7 Uhr an der Reihe. Dann werden die Wassertanks auf den Dächern und die Regentonnen in den Gärten gefüllt, welche die Wasserversorgung durch den Tag sicherstellen.

Nach wenigen Stunden Autofahrt in die umliegenden Hügel, scheint jedoch selbst Birendranagar meilenweit entfernt. Im Projekt WARM-P arbeiten wir insbesondere mit wirtschaftlich und sozial benachteiligten Gemeinschaften und sind mithin in sehr abgelegenen Gebieten tätig. Mit Mohan, dem Projektverantwortlichen für technische Belange, besuche ich an einem Morgen eine Dorfversammlung in Dailekh, an welcher sich die Bevölkerung über ein geplantes kleines Wasserverteilnetz berät. Der abstrakte Begriff der „partizipativen Planung“, welcher immer wieder in Projektdokumenten auftaucht, wird im Rahmen der Versammlung anschaulich und lebendig. Die vom lokalen Ingenieur ausgearbeiteten Varianten werden vorgestellt und eifrig diskutiert, Änderungswünsche werden vorgetragen, angepasst, aufgenommen oder verworfen. Wo sollen die öffentlichen Wasserhähne installiert werden? Sollen nicht auch die Viehtränken vom Verteilnetz versorgt werden? Darf das Leitungswasser auch zur Bewässerung genutzt werden? Nach zweitstündiger Beratung einigt sich die Versammlung darin, welche Variante nun weiterverfolgt wird.

Antworten auf die während der Versammlung aufgeworfenen Fragen ergeben sich zum Teil durch das natürliche Wasserangebot in der Region. So wird das Leitungswasser nur dann für Bewässerungszwecke genutzt werden können, wenn das Wasserangebot der angeschlossenen Quellen den Bedarf der Haushalte übersteigt. Um abschätzen zu können, wie viele Haushalte von einer Wasserquelle versorgt werden können, wird die Quellschüttung in verschiedenen Jahreszeiten gemessen. Wir nutzen die Gelegenheit, um am Nachmittag mit Mohan und Vertretern der lokalen Gemeinschaft die Schüttung einiger Quellen in der Gegend zu messen, welche als (Trink-)Wasserquelle für ein weiteres Verteilnetz in Frage kommen.

Auf dem Rückweg nach Birendranagar träume ich zufrieden vor mich hin: vom herzlichen Empfang der Dorfbevölkerungen über die spannenden Diskussionen hin zu den aussergewöhnlichen Übernachtungsorten und herrlichen Landschaften sind die Feldausflüge jedes Mal ein besonderes Erlebnis.

Lukas Egloff studiert am NADEL und ist in den kommenden Monaten für Helvetas in Nepal als Projektassistent im Einsatz. Lukas arbeitet im Bereich Wasser und Infrastruktur.

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