Massenflucht aus Kosovo

Simon Ming, 23. Februar 2015
Massenflucht aus Kosovo

„Massenexodus aus dem Kosovo“, „Weg aus dem Armenhaus Europas“, „Viele wollen einfach nur weg“ – so lauten nur ein paar der Schlagzeilen, die in den letzten Wochen in vielen Medien zu lesen waren. Was die Menschen zur Flucht bewegt, erklärt unser Landesdirektor in Kosovo, Heini Conrad.

„Kosovo hat eine lange Geschichte von Auswanderung, schon in den 60er und 70er Jahren gab es grosse Auswanderungswellen. Viele Familien haben Angehörige, die in der Diaspora leben. Von ihnen hören die Menschen, wie das Leben ist und welche Löhne gezahlt werden. Diese liegen wesentlich höher als im Kosovo, wo der Mindestlohn gerade einmal 150 Fr. monatlich beträgt. Aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit (70% bei Jugendlichen, 30% in der gesamten Bevölkerung) und der Armut (34% der Menschen haben ein tägliches Einkommen von weniger als 1.50 Franken) ist die Migration attraktiv geworden.“

Und das, obwohl die Wirtschaftsflüchtlinge wissen, dass ihre Asylanträge abgelehnt werden und sie in den meisten Fällen ein paar Monate später wieder zurück sind?

„Gerade junge Männer sagen sich oft, dass es sich auch für die paar Monate lohnt. Wer einige Zeit z. B. in Deutschland untertauchen kann und auf dem Schwarz- oder Graumarkt Arbeit findet, verdient einiges mehr als in der Heimat. Sie schauen es geradezu als Abenteuer an. Selbst Menschen mit einer Arbeitsstelle – aber tiefem Lohn – wagen die Reise. Wir haben von Restaurants gehört, wo die ganze Küchenmannschaft von einem auf den anderen Tag verschwunden ist.“

Warum verlassen gerade jetzt so viele Menschen den Kosovo? 

„Jahrelang war es für viele Kosovo-Albaner keine Option, durch Serbien zu reisen, sie hatten immer noch Angst. Vorerst unbemerkt hat sich jedoch in den letzten Monaten die Möglichkeit eröffnet, nach Serbien zu reisen und von dort mit Schleppern nach Ungarn zu gelangen. Ein ganzes kriminelles Netz wurde aufgebaut, und weil sie sich offenbar in diesem Geschäft -mit-dem-Unglück-anderer Konkurrenz machen, sind die Preise gefallen. Es kostet weniger als ein Flugticket, für 100 bis 150 Euro bringen die Schlepper sie über die Grenze.“

Neben der schlechten wirtschaftlichen Lage ist es auch die Korruption, die die Menschen in die Flucht treibt. Ihre Eindrücke und Gefühle beschreiben Heini Conrad und seine Frau Elisabeth Kaestli* in einem Schreiben, das hier in Auszügen wiedergegeben ist:

Nur weg aus Kosova…

Am Wochenende habe Aktivisten der Oppostionspartei Vetëvendosje eine Busattrape auf dem zentralen Skenderbeu Platz aufgestellt, der die gesamte Kosovo-Regierung ins Ausland transportieren soll. Passanten diskutierten und fotografierten und waren sich mehrheitlich einig, dass es besser wäre, wenn diese Politiker gingen, anstatt zehntausende junger Männer, und auch ganze Familien.

Seit Monaten fahren sie Nacht für Nacht mit Bussen über Serbien an die grüne Grenze von Ungarn, von dort lassen sie sich von Schleppern in die EU einschleusen. Obwohl sie hören, dass sie in Westeuropa nirgendwo Asyl erhalten. Bei den meisten ist es wohl die pure Verzweiflung, weil sie nicht mehr wissen, wie sie im Kosovo finanziell überleben sollen, weil sie keine Zukunft für ihre Kinder sehen. Es gibt immer wieder Berichte von irgend jemanden, der es schaffte, und so glauben die Verzweifelten lieber diesen, als den Politikern und den Botschaftern in Kosovo. Wie soll man auch auf Politiker hören, die immer wieder Lügen erzählen; seit Jahren Visafreiheit, mehr Arbeitsplätze und Einkommen, eine bessere Zukunft versprechen ohne die Versprechen zu erfüllen? Die Bevölkerung erlebt, dass sich das eigene Haushaltsportemonnaie immer schneller leert, während die Politiker und die mit ihnen Verbandelten sich weiterhin ihre Taschen füllen, dank der Korruption, die sie zu bekämpfen vorgeben. […]

Es ist deprimierend, die Nachrichten zu hören und die Bilder von der überfüllten Busstation in Pristina zu sehen, wenn nachts die Busse Richtung Belgrad bereit stehen. Sie erinnern an die 1990er Jahre, als junge Leute ebenfalls massenweise ins Ausland strömten, auch damals aus wirtschaftlicher Not, aber auch aus Angst vor der serbischen Polizei in Kosovo. Und jetzt gibt es wieder so viele Hoffnungslose, und so viele Enttäuschte.

Elisabeth Kaestli und Heini Conrad

Helvetas ist seit 2001 im Kosovo aktiv. Mehrere der Projekte vor Ort haben das Ziel, die wirtschaftliche Situation gerade von jungen Menschen zu verbessern. Eines davon ist EYE („Enhancing Youth Employment“). Es bietet Trainings für junge Menschen, die sie fit für die auf dem Arbeitsmarkt gefragten Profile machen. Dazu unterstützen wir mit dem Projekt innovative Ideen im Privatsektor, mit denen neue Stellen geschaffen werden. Resultat davon ist MIK Agency, die in der Schweiz Aufträge annimmt und im Kosovo ausführen lässt; dies insbesondere in den Bereich der IT, Marketing oder Callcenter-Dienstleistungen.

 

*Heini Conrad ist seit 2010 Landesdirektor im Kosovo. Seine Frau Elisabeth Kaestli ist Journalistin und hat das Schicksal einer kosovarischen Grossfamilie niedergeschrieben, deren Mitglieder alle emigriert sind: „Sieben Brüder, sieben Schwestern. Eine kosovarische Familie in der Welt“.

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