Kanonen und Kondome

Bernd Steimann, 10. November 2014

„Keine Angst, sie ist nicht geladen“, beschwichtigt Alec Gagneux, Mitglied des Ecopop-Initiativkomitees, als er eine Schweizer Armeepistole aus seinem Rucksack holt und vor uns auf den Tisch legt. Das beruhigt uns allerdings nur bedingt. Schliesslich ist es auch in der wehrhaften Schweiz eher unüblich, mit einer SIG P220 zum Interviewtermin zu erscheinen. Meine indische Kollegin Rupa Mukerji, die sich zum Streitgespräch mit dem Ecopop-Vertreter bereit erklärt hat, rückt ihren Sessel etwas weiter weg und harrt der Dinge, die da kommen mögen. Wenig später dann kommt die Waffe zum Einsatz, und zwar als Sinnbild für zerstörerische Kriege um natürliche Ressourcen. Diese, so Gagneux, liessen sich nur mittels freiwilliger Familienplanung verhindern, und streckt zur Verdeutlichung Pistole und Präservativ in die Höhe.

Kanonen oder Kondome: eigentlich auch für uns eine klare Wahl. Wäre da bloss nicht die unbequeme Tatsache, dass der globale Norden heute ein Vielfaches der Ressourcen verschwendet, welche die Menschen in Entwicklungsländern beanspruchen. Der stetig wachsende Bedarf der Wohlstandsnationen an Fleisch, Getreide und vermeintlich sauberen Treibstoffen führt unter anderem dazu, dass Investoren aus dem Norden immer mehr Land in Entwicklungsländern aufkaufen. Der lokalen Bevölkerung wird dabei häufig die Lebensgrundlage entzogen, ohne Anspruch auf Gehör, geschweige denn Rechtsschutz. Wer zahlt, befiehlt. Gemäss vorsichtigen Schätzungen betreffen solche Geschäfte mittlerweile eine Fläche von der fünffachen Grösse Portugals. Die dadurch hervorgerufenen Verteilungskämpfe vor Ort haben mit Bevölkerungswachstum herzlich wenig zu tun, mit unseren eigenen Konsumgewohnheiten aber umso mehr. Und dieses lässt sich mit Kondomen nun mal nicht verändern.

© Chappatte, Le Temps, 2007

„Ihr werdet euren Verbrauch senken müssen“ – Karikatur von Chappatte © Le Temps, 2007

 

Und doch kehrt das Konflikt-Argument regelmässig wieder. Dieser Tage erhalten wir zahlreiche Zuschriften von Ecopop-Befürwortern, welche unserer ablehnenden Haltung gegenüber der Initiative partout nichts abgewinnen können. Dabei werden Libyen, Syrien, Ägypten oder der Irak gerne als Beispiele für Länder angeführt, in denen ein hohes Bevölkerungswachstum zu einem gewalttätigen Verteilungskampf um schwindende Ressourcen geführt habe.

Dass die Menschen in all diesen Ländern über Jahrzehnte hinweg von diktatorischen Regimes regiert und jegliche Bedürfnisse mit aller Härte unterdrückt wurden, wird dabei gänzlich ausser Acht gelassen. Dass es der Mehrzahl der Demonstrierenden auf dem Tahrir oder der Aufständischen in Libyen um ein würdiges Leben in Freiheit, das Recht auf Mitbestimmung und um Meinungsfreiheit geht – diese Tatsache hat in der Ecopop-Logik keinen Platz. Zu Ende gedacht hiesse die nämlich: Hätten wir den Libyerinnen, Ägypterinnen und Irakerinnen bloss früh genug gezeigt, wie sie wirksam verhüten können, wäre uns der arabische Frühling erspart geblieben. Und wir könnten weiterhin unbesorgt nach Sharm El-Sheik in den Urlaub fliegen.

Bernd Steimann
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12 Kommentare zu «Kanonen und Kondome»

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  1. alec gagneux

    11. November 2014 um 15:01

    Lieber Bernd.
    5 Monate ist es her, seit wir zusammen Ecopop JA / Nein diskutiert haben. Warum hast du bloss soooo lange gewartet mit dieser Superstory? Alle denkenden Menschen verstehen, dass das Gewaltpotential steigt, wenn immer mehr Menschen immer weniger Ressourcen ergattern können. Schon der WWF hat 1971 gesagt: „Noch können wir uns entscheiden, ob wir den Ausgleich durch eine freiwillige Senkung der Geburtenrate erreichen oder ob wir zuwarten wollen, bis die Natur durch eine gewaltsame Erhöhung der Todesrate dafür sorgen wird.“ Deshalb hat damals der WWF uns empfohlen nicht mehr als 2 Kinder zu haben. …mehr
    Seit unserem Interview hat die NZZ x-mal Berichte über Indischen Aufklärungsnotstand (NZZ 22. 7. 14) bestätigt. Es wird deutlich, dass der Mangel von Aufklärung und Zugriff zu Verhütungsmitteln bei den Benachteiligten riesig ist – was von Euch ja mantramässig immer wieder dementiert wird.
    Erstaunlich ist, dass Du Dir offenbar überhaupt nicht bewusst bist, dass in allen Helvetas Projekten das Menschenrecht auf Familienplanung bewusst ignoriert wird – es ist also eine Missachtung von einem bald 50-jährigen Menschenrecht!
    Seit Jahren mache ich Euch auch immer wieder darauf aufmerksam, dass es verlogen ist, so zu tun, wie wenn Ihr den „Armen“ helft, solange die Pensionskassengelder der Helvetas -Mitarbeiter/innen in globalisierte Gewalt (Grossbanken, Waffenproduktion, Ölgeschäfte, Ausbeutung von Menschen und Natur) investiert. Ihr investiert also in Kanonen (Symbol Pistole) statt in umfassende Prävention (Symbol Kondom). Mehr dazu: http://www.fairch.com/agieren-sie-mit -faire-renten/
    Sonnige Grüsse, Alec Gagneux, fairCH.com

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      • lieber bernd.
        also – helvetas ignoriert ffp (freiwillige familienplanung) nicht – behauptest du: bitte zeig auch NUR EIN projekt, welches dieses menschenrecht integriert. du weisst so gut wie ich, dass die führung von helvetas sich mit diesem thema die finger (bisher) nicht verbrennen will. ignorieren heisst also „ffp weder männern noch frauen z.v. stellen“.
        wieiter bitte ich dich bezüglich pensionskasse stellung zu nehmen. die zürcher kantonalbank ist euer partner. kannst du beweisen, dass die anlagen eurem humanitären leitbild entsprechen? ==> keine transparenz. dies widerspricht eurem leitbild. http://assets.helvetas.org/downloads/20120511_leitbild_zv_approved.pdf
        2012 wurde Helvetas gefragt, wie ihre eigene PK das Geld vermehrt. Da gibt es einige ethische Richtlinien – allerdings nützt dies nichts, wenn Anlagen in grosse Banken (Die Zocken mit allem, was schnelle Profite in Aussicht stellt) nicht verboten wird.

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        • alec gagneux

          20. November 2014 um 13:13

          Keine Aufklärung über PK-Ausbeutung? http://www.fairch.com/agieren-sie-mit/f%C3%BCr-faire-renten/
          Keine Antwort auf mangelnde Empathie in Helvetas Projekten gegenüber Frauen/Mädchen, die deswegen millionenfach ungewollt schwanger werden? http://www.weltbevoelkerung.de
          –> WählerInnen können die Hilfsindustrie zwingen, einen gewissen Anteil ihres Budgets für das MENSCHENRECHT AUF FAMILIENPLANUNG einzusetzen, da ein grosser Teil der Gelder an Helvetas & Co. unsere Steuern sind.
          Ecopop-JA natürlich.

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  2. Anne-Marie Rey

    11. November 2014 um 16:19

    „Wäre da bloss nicht die unbequeme Tatsache, dass der globale Norden heute ein Vielfaches der Ressourcen verschwendet, welche die Menschen in Entwicklungsländern beanspruchen. Der stetig wachsende Bedarf der Wohlstandsnationen an Fleisch, Getreide und vermeintlich sauberen Treibstoffen führt unter anderem dazu, dass Investoren aus dem Norden immer mehr Land in Entwicklungsländern aufkaufen“.
    Stimmt alles, aber auch das ist zu bedenken:
    1) Wenn die Bevölkerungen der Industrieländer nicht gewachsen wären in den letzten 60 Jahren, würden sie WENIGER Ressourcen brauchen.
    2) Die Bevölkerungen des Südens wachsen z.T immer noch mit 3% jährlich. Sie verbrauchen zwar nicht mehr pro Kopf, aber gesamthaft steigt ihr Anteil am globalen Konsum. Und: sie haben Anspruch auf wirtschaftliche Entwicklung, d.h. mehr Wohlstand, heisst mehr Konsum. Ihr Anteil wird daher kumuliert mit der Bevölkerungszahl stark wachsen, wenn es nicht gelingt, so rasch wie möglich allen Frauen Zugang zu Familienplanung zu verschaffen. Familienplanung ist ein Menschenrecht!
    3) Im übrigen ist es neuerdings China, ein Schwellenland, das in Entw.ländern Land kauft… China, vor kurzem noch selbst ein Entwicklungsland, das mit steigendem Wohlstand jetzt eben höhere Ansprüche stellt, punkto Fleischkonsum, Autos etc (vor 30 Jahren schwärmten wir vom Veloverkehr in chinesischen Städten – heute sind sie von Autoabgasen verpestet).

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    • Daniel Schlatter

      11. November 2014 um 19:17

      Frau Rey, Sie stellen das wunderbar dar: die Entwicklungsländer entwickeln sich, streben nach mehr Wohlstand und werden mehr Ressourcen verbrauchen.

      Wie denn? Die Länder der ersten Welt plündern die Drittweltländer heute aus, wie es zu Kolonialzeiten nie der Fall war. Wir klauen ihnen die Bodenschätze, halten sie wie Arbeitstiere und lassen die Gewinne bei uns anfallen. Wir wissen bestens, Bildung im grossen Stil zu verhindern, das Recht auf frisches Wasser haben wir den Bewohnern dieser Länder längst abgesprochen. Man stelle sich vor: wären dievdort gesund und erst noch verbreitet gebildet, die würden ja glatt merken, dass sie von uns Privilegierten nach Strich und Faden beschissen werden! Jeden Morgen den Frühstückskaffee – aber die Kaffeebohnen im Anbauland korrekt ebtschädigen, wie kämen wir dazu. Macht ja alles teurer für uns! Ich wünsche mir, dass so manchem bei uns die obligaten Schkolade-Kläuse ob der mikrigen Preise, die wir für den Anbau von Kakao bezahlen, an Weihnachten imHals stecken bleibt!

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