It’s the economy, stupid!

Bernd Steimann, 22. September 2015

Nachtrag vom 7.12.: Einer Beschwerde von Alliance Sud hat die SRG-Ombudsstelle stattgegeben. Deren Präsident Achille Casanova kommentiert: «Die Analyse der vier Beiträge (…) bestätigt Ihre Kritik. Die einseitige Art und Weise, wie die klassische „staatliche Entwicklungshilfe“ nur negativ dargestellt wurde, ermöglichte ECO seine These zu begründen.»

Montagabend, 22.40 Uhr, ECO Spezial auf SRF zum Thema „Entwicklungshilfe“. Die UNO-Generalversammung in New York, welche dieser Tage Rückschau auf 15 Jahre Millenniums-Emtwicklungsziele (MDGs) hält und gleichzeitig die neuen Sustainable Development Goals (SDGs) verabschiedet, nimmt das Schweizer Fernsehen zum Anlass für eine kritische Würdigung von „Entwicklungshilfe“. Ein weites Feld, ohne Zweifel – das Moderator Reto Lipp, in pastoraler Manier vor dem Genfer Uno-Palais auf und ab schreitend, in 28 Minuten aber locker meistert.

Zu Beginn die harten Fakten. Mit dramatischer Musik unterlegte Infografiken erklären uns, dass die Vereinten Nationen seit dem Jahr 2000 unzählige Milliarden ausgegeben haben, um die MDGs zu erreichen, dabei aber weit weniger erfolgreich waren als behauptet. Die Kritik ist durchaus berechtigt, kommt jedoch derart undifferenziert daher, dass es einem graust. Anstatt intelligente Fragen zu Sinn und Unsinn solcher Zielkataloge zu stellen, werden die MDGs und ihr ambitioniertes Nachfolgeprojekt, die SDGs, pauschal diskreditiert. Ohne jede Logik werden einzelne Ziele herausgepickt und kuzerhand als „illusorisch“ dargestellt. Ebenso verfährt die Sendung mit der Arbeit der Schweizer Direktion für Entwicklungszusammenarbeit (DEZA), aus deren – durch das Bundesparlament immerhin demokratisch legitimierten – Portfolio einzelne Budgetposten willkürlich herausgegriffen und so der Lächerlichkeit preisgegeben werden.

So entsteht rasch der Eindruck, auch die Schweizer „Entwicklungshilfe“ sei ein von Gutmenschen betriebenes, höchst defizitäres Metier, welches den Menschen in Entwicklungsländern mehr schadet als nützt. Zwei Beispiele von gescheiterten Projekten, ohne inneren Zusammenhang ausgewählt und ohne jeglichen Kontext präsentiert, verdeutlichen dies noch.

Doch das Ganze hat System, denn Herr Lipp kennt die Lösung für die Übel dieser Welt: „Entwicklungshilfe ist nicht dann am erfolgreichsten, wenn die Moral der Treiber ist, sondern unternehmerisches Gewinnstreben.“ Ein ausführliches Porträt des Schweizer Investitionsfonds SIFEM (notabene von der DEZA mitgetragen) soll zeigen, dass es Entwicklungsländern vor allem an gewinnorientiertem Unternehmertum mangelt. Natürlich ist das nicht falsch. Bloss: Wer bringt den Kindern und Jugendlichen das Schreiben und Lesen bei? Und wer sorgt für die Gesundheit der Angestellten? Schulen und Spitäler sind nun mal keine Profit Centres.

Reto Lipp aber lässt sich nicht beirren und setzt zum magistralen Schlusswort an: „Wirtschaftswachstum bedeutet für viele Menschen ein besseres, gesünderes und längeres Leben.“ Aber eben nicht längst für alle. Dass der sogenannte „trickle down-Effekt“ nicht funktioniert, sich die Schere zwischen Arm und Reich also trotz anhaltendem Wachstum immer weiter öffnet, davon hat Herr Lipp leider noch nie gehört. Professor Deaton, der in der Sendung ebenfalls zu Wort kommt,  hätte es ihm bestimmt erklären können. Bloss hat niemand wirklich zugehört, als dieser brillante Kopf in allgemein verständlichen Worten über Politikkohärenz und die Ungleichheit des internationalen Handelsregimes sprach.

Denn natürlich ist es am Schluss die Wirtschaft, die entscheidet. Doch das Wachstum findet meist am falschen Ort statt und kommt vor allem jenen zugute, die bereits haben. Es wäre schön, wenn sich SRF auch mal diesen Fragen widmen würde, auch wenn sie vielleicht etwas schwieriger zu beantworten und mit unangenehmen Antworten verbunden sind. Aber bitte etwas differenzierter, und ohne Sonntagspredigt.

Bernd Steimann
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Bernd Steimann

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