Gastbeitrag: Solarkino in Nepal (10): Über Kastengrenzen hinweg

Kathrin Krämer, 20. Januar 2015
Gastbeitrag: Solarkino in Nepal (10): Über Kastengrenzen hinweg

Die Wege und Flusspassagen werden schwieriger gegen Osten, unsere bereits erfahrenen Esel werden wieder und wieder gefordert. Unser Team ist eingespielt, nicht nur betreffend Videotraining und Solarkino, sondern auch darin, die Wege zu meistern und die immer neuen Situationen in den Dörfern kooperativ und selbstbewusst anzugehen.

Wir brauchten etwa eine Woche, um das nächste Projektdorf, Kharpa im Khotang Distrikt, zu erreichen. Unterwegs haben wir Filme auf Häuser projiziert, uns und unsere Kleider nach Tagen der Wasserknappheit ausgiebig in den Flüssen gewaschen und an kühlen Abenden am Feuer Schwierigkeiten, Fortschritte und Anekdoten der letzten zwei Projekt-Monate ausgetauscht. Kharpa ist eine Streusiedlung hoch am Hang über einem Fluss gelegen, dessen Zentrum eine Schule bildet. Die Dörfer auch im Osten Nepals sind häufig hierarchisch in verschiedene Siedlungsgebiete aufgeteilt. Höher gelegen wohnen die oberen, machtvolleren Kasten, unten im Dorf die niedrigen, unterpriviligierten Kasten. Wir errichteten ein Camp etwa in der Mitte und stellten eine Filmcrew mit verschiedenen Kastenzugehörigkeiten zusammen.

Was für die Filmcrew zu Beginn etwas befremdend anmutete und die Arbeit nicht gerade erleichterte (für Männer aus höheren Kasten ist es beispielsweise gelinde gesagt schwierig, Ideen von Frauen aus unteren Kasten anzunehmen), führte letztlich zu einem intensiven Austausch – und ruhige Stunden in unserem Camp wurden zur Seltenheit. So starteten wir in Kharpa mit ausgiebigen Diskussionen, bevor wir mit dem Videotraining begannen.

Es kristallisierte sich heraus, dass die Schule und die Schulbildung ein kastenübergreifendes Thema mit grossem Konfliktpotenzial darstellt. „Die Kinder gehen nicht zur Schule, die Schule kümmert sich nicht um die Kinder, die Lehrer sind schlecht, die Eltern sind schlecht“ et cetera; jedenfalls sind immer die Anderen Schuld an einem nicht vollständig funktionierenden Schulsystem. Mit Hilfe unseres Teams entschied sich die Crew letztlich für folgenden Aufbau des Films:

1. Aufzeigen der aktuellen Situation, dass viele Kinder nicht zur Schule gehen
2. Hinterfragen wieso die Kinder nicht zur Schule gehen
3. Aufzeigen der Wichtigkeit von Ausbildung für das tägliche Leben im Dorf (mit besonderem Fokus auf die Mädchen/Frauen)
4. Diskussion von Lehrern und Eltern zum Thema „wie können wir das Schulsystem mit eigenen Mitteln und Ideen verbessern“.

Im fertigen Film werden verschiedene  Perspektiven gezeigt; beispielsweise, dass Eltern ihre Kinder in der landwirtschaftlichen Arbeit benötigen, um über die Runden zu kommen, dass Frauen mit Ausbildung Unabhängigkeit erlangen und sich auch besser um die Familie kümmern können, dass oft die Verletzlichkeit jener Bauern geringer, die Ernteerträge höher und der Handel mit Agrarprodukten fairer ist, wenn man zur Schule ging. In der Diskussion vor laufenden Kameras wird konstruktive Kritik laut und gemeinsam nach Lösungen gesucht. Zwischen den Zeilen kommen grundlegende Probleme zum Vorschein, wie beispielsweise die Idee der Lehrer, durch die Integration einer höheren Schulstufe Reputation und Salär zu steigern obwohl kein Budget vorhanden ist, die Lehrer keine Ausbildung besitzen, und die nächste höhere Schule nur 30 min. Fussmarsch entfernt liegt.

Das Solarkino soll nach der Abreise des Schweizer Teils des Kinoteams weiter funktionieren. Im Projektdorf Kharpa traten wir deshalb in den Hintergrund und standen lediglich als Anlaufpunkt für das Team zur Verfügung. Das war nicht ganz einfach (für beide Seiten), machte die Arbeit aber intensiv und führte zu neuen Impulsen und guten Gesprächen über die Vorgehensweisen.

© SWN14

Wenn auch der Film etwas lang und ausgebreitet, die Übergänge etwas holprig sind und die Versorgung mit Solarstrom beim Import der Dateien, Schnitt und Export an ihre Grenzen stiess: der Film heizte die Diskussionen rund ums Schulsystem richtiggehend an und die Leute wagten, sich unabhängig von ihrer Herkunft an der Diskussion zu beteiligen.

Mit diesem Erfolg im Gepäck treten wir die wohl schwierigste Etappe unserer Reise an – hinsichtlich der für Esel kaum begehbaren Wege, aber auch in Richtung des Projekt-Endes in wenigen Wochen.

Kathrin Krämer
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Kathrin Krämer

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