Gastbeitrag «Effektiver Altruismus: Fördern, was wirkt»

Redaktion, 11. Januar 2017

Gastbeitrag von Jonas Vollmer, Leiter Kommunikation bei der Stiftung für Effektiven Altruismus

Im Dezember ist die Volksinitiative «Ein Prozent gegen die globale Armut» der Stiftung für Effektiven Altruismus zustande gekommen. Sie fordert, dass die Stadt Zürich künftig mit einem Prozent ihres Budgets hochwirksame Hilfswerke im Bereich der globalen Armut und Gesundheit unterstützt. Die Erhöhung der Mittel auf rund 80 Millionen Franken pro Jahr würde einen bedeutsamen Schritt darstellen, ist im linksgrün dominierten Zürich aber in Reichweite. Die Stadt Genf macht’s vor: Sie gibt bereits seit mehreren Jahren knapp 0.7% ihres Budgets für die Entwicklungszusammenarbeit aus.

Neu ist die Forderung, bei der Auswahl der Projekte auf unabhängige wissenschaftliche Forschung zurückzugreifen. Wirkungsstudien zeigen, dass unsere intuitiven Annahmen oft fehlgeleitet sind: Mikrokredite haben sich trotz Medienhype und Friedensnobelpreis als kaum wirksam herausgestellt; direkte, bedingungslose Geldtransfers haben sich hingegen in zahlreichen Kontexten unerwartet als sehr wirksam erwiesen – nicht nur in der humanitären Hilfe, sondern auch in der Entwicklungszusammenarbeit. Wären die Ressourcen während des vergangenen Jahrzehnts entsprechend anders eingesetzt worden, hätten wir dadurch wohl deutlich mehr Menschen ein besseres Leben ermöglicht. In der Schweiz gehört Helvetas zu den wenigen Hilfswerken, die bereits selbst Wirkungsstudien in Auftrag geben. Im internationalen Vergleich besteht viel Nachholbedarf.

Die Berücksichtigung wissenschaftlicher Forschung verbessert nicht nur die Wirksamkeit, sondern stärkt auch das Vertrauen der Stimmbevölkerung. Wir hoffen, dass die Initiative dazu beiträgt, die mediale Pauschalkritik an der Entwicklungszusammenarbeit auf ein differenzierteres Niveau zu heben.

Hinter der Initiative steht die Philosophie und globale Bewegung des Effektiven Altruismus (EA). Sie wird angetrieben durch die Frage: Wie können wir mit unseren begrenzten Mitteln möglichst wirksam zur Lösung globaler Probleme beitragen? Effektive Altruisten und Altruistinnen gehen dafür komplett ergebnisoffen vor. Viele spenden zehn bis fünfzig Prozent ihres Einkommens an Hilfswerke, etwa für direkte Geldtransfers, Entwurmungsprogramme oder die Malariaprävention: Mit 100 Franken finanziert man 20 langlebige Moskitonetze und rettet damit im Schnitt ein ganzes gesundes Lebensjahr.

Hanspeter Bundi von Helvetas kritisiert den Fokus auf einfach quantifizierbare Gesundheitsprogramme im Blogbeitrag «Effizient helfen: Moskitonetze statt Bildung?»: Eine langfristige Entwicklung sei nur möglich, wenn neben einer Gesundheitsversorgung auch Perspektiven für die Bevölkerung geschaffen werden. Die Rettung von Leben alleine leite noch keine Entwicklung ein.

Aus unserer Sicht blendet diese Kritik aus, dass die Entwicklungszusammenarbeit nur einen kleinen Beitrag zur Entwicklung leisten kann. Sie wird finanziell in den Schatten gestellt durch den globalen Handel, lokale Regierungen, private Investitionen und die Rücküberweisungen Familienangehöriger. Entwicklungsorganisationen müssen nicht alle Probleme angehen, sondern sollten dort einen Beitrag leisten, wo sie dies am besten tun können – beispielsweise im Bereich der Ernährung und Gesundheit.

Die Armut ist ein Teufelskreis, der an verschiedenen Stellen durchbrochen werden kann: Die Prävention ansteckender Erkrankungen reduziert Gesundheitsausgaben, Schulabsenzen, Erwerbsausfälle und langfristig auch die Geburtenrate. Damit ermöglicht sie langfristig auch mehr politisches Engagement. Oft sind es gerade die lebensrettenden medizinischen Massnahmen, die längerfristige Entwicklungen einleiten und die das Prinzip der «Hilfe zur Selbsthilfe» am besten respektieren.

Diese Frage ist jedoch keinesfalls restlos geklärt: Die EA-Bewegung diskutiert und hinterfragt den Fokus auf einfach quantifizierbare Gesundheitsprojekte. Sobald neue Studien und Argumente aufzeigen, dass andere Ansätze eine grössere Wirkung versprechen, werden die Effektiven Altruistinnen und Altruisten ihr Engagement in diese Bereiche verlagern. Dies gilt auch, wenn Programme bereits komplett durchfinanziert sind: Sobald ein Grossteil der Bevölkerung in endemischen Gebieten vor Malaria geschützt ist, werden Effektive Altruisten neue Projekte finanzieren – etwa im Bildungsbereich, wie es Hanspeter Bundi vorschlägt.

Meine effektiv-altruistische Entgegnung auf die Kritik «Moskitonetze statt Bildung» formuliere ich deshalb wie folgt: «Zuerst Moskitonetze, dann Bildung – oder im Idealfall gleich beides!» Letzteres ist möglich, wenn die finanziellen Mittel ausreichen. Vielleicht kommen wir diesem Ziel mit der 1%-Initiative einen Schritt näher.

Dieser Gastbeitrag ist eine Replik auf den Helvetas Blogbeitrag «Effizient helfen: Moskitonetze statt Bildung?».

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