Eine Handvoll vietnamesischer Sternanis

Karin Wenger, 12. Juli 2017
Eine Handvoll vietnamesischer Sternanis

Karin Wenger, Südostasien-Korrespondentin von Schweizer Radio SRF, hat die Sternanisbauern in Vietnam besucht.

Mit einer einzigen Handbewegung breitet Lin Thi Ben eine grüne Plastikmatte über die Holzplanken ihres Hauses. Sie stellt ein Tablett mit kleinen, weissen Teetässchen darauf und giesst schwungvoll Grüntee hinein. Nun lädt sie ihre Gäste ein, auf der Matte Platz zu nehmen. Stühle gibt es in ihrem bescheidenen Haus nicht. Eine altertümliche Kommode und ein ebenso antikes Modell eines Fernsehers gehören zum wenigen Hab und Gut der Vietnamesin.

Lin Thi Ben ist wie alle in diesem kleinen vietnamesischen Dorf, das in der Nähe der chinesischen Grenze liegt, Bäuerin. Und wie alle im Dorf lebt sie ausschliesslich von ihren Sternanis-Bäumen – Bäume, die die früheren französischen Kolonialherren ins Land gebracht hatten. Noch hängen die winzigen, sternähnlichen Früchte grün an den Bäumen, doch in ein paar Monaten werden sie reif für die Ernte sein und bereit für den Verkauf.

Paulo Pinto

Bäuerin Lin Thi Ben lebt vom Anbau ihres Bio-Sternanis.

Lin Thi Ben und alle anderen Bäuerinnen und Bauern verkaufen ihre Ernte an Zwischenhändler und diese verkaufen sie an chinesische Abnehmer. Eine ungesunde Abhängigkeit, sagen die Bauern im Dorf: „Die Chinesen bestimmen den Preis hier und das bedeutet, dass dieser extrem schwankt. In diesem Jahr kriegen wir nicht einmal halb so viel für ein Kilo Sternanis wie im vergangenen Jahr“, klagt Bauer Linh Van Luan, der 300 Bäume besitzt.

Für ihn bedeutet das, dass er sich dieses Jahr keinen neuen Fernseher leisten kann; Lin Thi Ben sorgt sich, wie sie in diesem Jahr die Studiengebühren ihrer Kinder bezahlen soll. Dabei ist der Sternanis, den die Bauern hier anbauen, nicht bloss von guter Qualität. Die Bauern benutzen keinerlei Pestizide oder Chemikalien, ihre Früchte hätten das Biolabel längst verdient.

Und genau hier setzt die Hilfe aus der Schweiz an. Do Quang Huy, der Nationale Programm-Manager vom Schweizer Staatssekretariat für Wirtschaft, SECO, erklärt: „Bio-Handel ist in Vietnam etwas ganz Neues, etwas, das es erst seit 2012 gibt – trotz der grossen Biodiversität. Nach ersten Testprojekten im Medizinbereich haben wir das grosse Potential dieses Marktes erkannt und dachten: Wieso weiten wir unsere Projekte nicht auf Gewürze und die Kosmetikindustrie aus?“ Das Ziel des SECO ist, mittlere und kleinere vietnamesische Unternehmen, die im Bio-Handel tätig sind, zu unterstützen, sie mit Biobauern zu vernetzen und ihnen neue Märkte zu erschliessen.

Paulo Pinto

Die schwankenden Preise für den Sternanis machen den Bauern zu schaffen.

Helvetas, die seit Jahren in entlegenen Gebieten Vietnams arbeitet, wurde dabei als Partner gewählt. Zudem implementiert Helvetas ein ähnliches Bio-Handelsprojekt, das mit Geldern der EU finanziert wird. Nguyen Lam Giang, Helvetas-Direktorin in Vietnam, erklärt: „Indem wir die Bio-Bauern mit lokalen Unternehmern zusammenbringen und ihnen helfen, ihre Produkte auf dem Weltmarkt zu verkaufen, lösen wir sie aus der Abhängigkeit zu den Chinesen. Die Marke Bio verkauft sich in Europa oder den USA gut und bedeutet dann, dass die Bauern mehr Geld für ihre Produkte und mehr Preisstabilität bekommen.“

Paulo Pinto

Freut sich auf einen eigenen Fernseher: Bauer Linh Van Luan.

Helvetas hat so bereits mehr als 1’000 Sternanis-Bauern geholfen, ihre Sternanis-Plantagen in Bio-Plantagen zu verwandeln. Das Label Bio ist zudem an Menschenrechtsstandards geknüpft und daran, dass die Landrechte der Bauern geachtet werden – etwas, das in Vietnam alles andere als selbstverständlich ist.

Bauer Linh Van Luan sagt, er wisse nicht, für was die Käufer seinen Sternanis bräuchten. Das Öl sei gut gegen Erkältungen, meint er. Seine grösste Hoffnung ist, dass mit dem Projekt von Helvetas der Preis endlich stabil bleiben wird: „Dann werde ich mir endlich den Fernseher anschaffen, den ich dieses Jahr nicht kaufen konnte.“

Lange wird es nicht mehr dauern, bis die getrockneten Sternanisfrüchte von ihm und den anderen vietnamesischen Bio-Bauern bei uns als Weihnachtsdekoration unter den Christbäumen liegen oder unserem Glühwein zu mehr Geschmack verhelfen werden. Wenn alles nach Plan läuft, sollen sie bereits im kommenden Jahr in den Läden erhältlich sein.

© Bilder: Paulo Pinto

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Karin Wenger

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