Ein Unglück nach dem anderen für Frauen in Nepal

Jane Carter, 15. September 2015
Ein Unglück nach dem anderen für Frauen in Nepal

In den internationalen Nachrichten über Nepal geht es im Moment nicht um die, deren Leben von den Erdbeben vom April und Mai heimgesucht wurden, sondern von Unruhen im Zusammenhang mit der Bekanntgabe der neuen Verfassung. In der bevölkerungsreichen Region Terai herrscht Zorn und Angst davor, dass die neue Verfassung den Menschen des Flachlandes eine unverhältnismässige Macht verleihen könnte. Unterdessen befürchten überzeugte Hindus auch eine Aufweichung ihres Glaubens. Es ist eine riesige Herausforderung, all die Hoffnungen und Wünsche der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen Nepals zu erfüllen; somit ist es nicht überraschend, dass das Aufsetzen der neuen Verfassung so lange gedauert hat.

Für die Bewohner von Sindhupalchok und anderen Gebieten, die stark vom Erdbeben betroffen waren, ist die neue Verfassung weniger dringlich als die Sorgen ihres täglichen Lebens. Unsere Mitarbeiter haben Berichte der Menschen im Melamchi-Tal gesammelt, wo sich die Soforthilfe und Wiederaufbaumassnahmen von Helvetas konzentrierten. Die Berichte machen deutlich, wie wichtig es ist, jene zu unterstützen, die schon zuvor zu den Ärmsten und sozial am stärksten Marginalisierten zählten. Vor allem sind das Frauen. Es folgen zwei Beispiele, die von Sushil Bhandari und Hari Gurung erfasst wurden.

Chinimaya Nepali gehört zu den Dalit. Sie ist Grossmutter, 60 Jahre alt und hat schon viele Rückschläge in ihrem Leben durchgemacht – der neueste ist nun das Erdbeben. Chinimaya und ihr Mann besitzen 0,2 Hektar Land, das nur von Regen bewässert wird. Das ist genug, um alle Familienmitglieder während drei Monaten im Jahr zu ernähren. Ihr Mann ist seit 2013 gelähmt, während ihr Sohn im Teenageralter verstarb, als er sich als Arbeiter in Kathmandu verdingte. Auch ihr Schwiegersohn verstarb, weshalb ihre Tochter und vier Enkelinnen zurück in ihr Elternhaus zogen. Eine Frau, deren Ehemann stirbt, wird oft von ihren Schwiegereltern zurückgewiesen, während Töchter wegen des zwar illegalen, aber nach wie vor praktizierten Brauchs der Mitgift zumeist als finanzielle Bürde gesehen werden.

© HelvetasAls die Erde am 25. April bebte, waren Chinimaya, ihre Tochter und Enkelinnen (oben abgebildet) alle draussen bei der Arbeit. Ihr Mann allerdings befand sich im kleinen Haus. Es versank in Schutt und Asche und begrub ihn lebendig. Mit der Hilfe von Nachbarn gelang es der Familie schliesslich, ihn zu befreien. Unfähig, sich selbst zu ernähren, überlebt er dank Chinamayas Pflege.

Direkt nach dem Erdbeben wurde der Familie Obdach in einem Fleischerei-Geschäft gewährt. Sie erhielten eine Zeltplane durch Hilfsgüterverteilungen und konnten damit einen einfachen Unterstand errichten. Danach bargen sie Materialien von ihrem früheren Haus und verbesserten ihren vorübergehenden Unterschlupf mithilfe von Planen, die das Dach und die Seiten abdichten. Angesichts der Monsun-Regenfälle draussen können ein paar wenige Blachen einen grossen Unterschied machen, wenn es darum geht, einen bewohnbaren Lebensraum zu schaffen.

© HelvetasLaxmi Lamichhanes Leben vor dem Erdbeben war auch kein einfaches, obwohl sie zur höchsten Kaste gehört. Im ländlichen Nepal ist es für Männer nicht ungewöhnlich, sich eine zweite Frau zu nehmen, obwohl es illegal ist. Das passiert vor allem dann, wenn die erste Frau keine Söhne zur Welt bringt. Das war Laxmis Situation, deren ältere Schwester die Erstfrau war. Jedoch gebar Laxmi nach der Heirat eine Tochter – während ihre Schwester doch noch den langersehnten Sohn zur Welt brachte. Das machte Laxmis Leben innerhalb der Familie sehr schwierig. Schliesslich separierte sie sich gemeinsam mit ihrer zweijährigen Tochter.

Anders als die meisten Frauen in ihrer Situation wagte sie jedoch einen Rechtsstreit mit ihren angeheirateten Verwandten, und es gelang ihr schliesslich, die Registrierung eines kleinen Stück Landes auf ihren Namen zu sichern. Das war genug, um sich und ihre Tochter etwa die Hälfte des Jahres zu ernähren; während des restlichen Jahres verdienen sie und ihre jetzt 16-jährige Tochter ihre Nahrung durch Landarbeit – obwohl Laxmi darauf Acht gibt, dass ihre Tochter noch zur Schule geht. Das war vor dem Erdbeben. Als es losbrach, zerstörte es das kleine Heim, das Mutter und Tochter teilten, und es tötete auch Laxmis Ehemann.

Als Witwe ist Laxmis Position in der Gesellschaft noch schwieriger geworden. Jedoch erhielten sie und ihre Tochter Priorität bei der Soforthilfe, und sie haben es nun mit der späteren Unterstützung von Nachbarn geschafft, ein vorübergehendes Obdach zu bauen, das mit Planen abgedichtet ist.

Sowohl Laxmi als auch Chinimaya machen sich Sorgen, wie sie es jemals schaffen sollen, ein richtiges Heim für sich und ihre Familien zu bauen. Beide sind jedoch Überlebende, die den Willen zeigen, immer weiter gegen die Widrigkeiten zu kämpfen, mit denen sie als Frauen konfrontiert sind.

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