Ein Afrika jenseits der Klischees

Kathrin Krämer, 13. Januar 2016
Ein Afrika jenseits der Klischees

Die Welt verändert sich. Doch das Bild, das wir uns von Entwicklungsländern und insbesondere von Afrika machen, bleibt unverändert klischiert – als bestünde der Weltsüden nur aus Krankheit, Krieg und Elend oder aber aus fröhlich-folkloristischer Tradition. Woran liegt das? Lässt sich dieses Bild verändern? Wir haben bei Menschen nachgefragt, die sich mit diesen Fragen beschäftigen.


Valerie Zaslawski: „Aussergewöhnlich und negativ zieht am besten“

Menschen interessieren sich vor allem für das, was in ihrer Nähe geschieht. Das ist in allen Gesellschaften so. Nachrichten aus der Ferne stossen nur zaslawskidann auf Interesse, wenn sie aussergewöhnliche und vorzugsweise negative Ereignisse betreffen. Stabilität hingegen ist wenig interessant. Dieser Logik sind auch die Zeitungen unterworfen. Ausserdem wird die Auslandkorrespondenz immer weiter abgebaut. Die verbleibenden Journalisten in Entwicklungsländern eilen wie Feuerwehrleute nur noch dorthin, wo es gerade brennt. Oft sind sie dabei von den Einschätzungen ihrer jeweiligen Redaktionen abhängig, und die orientieren sich ihrerseits stark am (vermuteten) Publikumsinteresse. In den Siebziger- und Achtzigerjahren kritisierten Intellektuelle und Politiker die Medienübermacht der Industriestaaten und die einseitige, meist negative Berichterstattung über Entwicklungsländer. Sie verlangten eine neue internationale Informationsordnung. Allerdings vergeblich. Das Thema ist heute weitgehend vom Tisch. Der Nachrichtenfluss aus den Entwicklungsländern wird weiterhin von Agenturen aus dem Norden dominiert, die sich nach einfachen Kriterien richten. Aussergewöhnlichkeit. Prominenz. Negativität.

Und so hat Henning Mankell leider Recht. Er sagte: «Wenn wir uns am Bild der Massenmedien orientieren, lernen wir heute alles darüber, wie Afrikaner sterben, aber nichts darüber, wie sie leben.» Möglicherweise wäre der Einbezug einheimischer Journalisten eine Lösung. Sie schreiben aus einer anderen Perspektive und berichten auch über undramatische gesellschaftliche Veränderungen. In den sozialen Medien geschieht das schon, aber ich kenne noch keine Zeitung, die diese Möglichkeit systematisch nutzt.

Valerie Zaslawski ist NZZ-Inlandredaktorin und spezialisiert auf Schweizer Entwicklungspolitik.


Stefan Stolle: „Selbständige Menschen statt hilfloses Leiden zeigen“

Den Menschen in den Entwicklungsländern geht es heute deutlich besser als vor zwanzig Jahren. Allein, es glaubt niemand daran. Die Schweizer Bevölkerung weiss wenig oder gar nichts vom Fortschritt der letzten Jahrzehnte. Das ist nicht weiter verwunderlich. Zwei Akteure prägen das Bild der Entwicklungsländer in einem unglücklichen Wechselspiel. Die Medien und die Hilfswerke. Über eine immer grössere Anzahl analoger und digitaler Kanäle erreichen uns die Nachrichten und Bilder aus Kriegen und Katastrophengebieten. Sie vermitteln den Eindruck, dass alles nur schlimmer wird. Es ist die legitime Aufgabe der Medien, auf Missstände hinzuweisen. Doch die Informationsmenge, die wir heute in einem Tag verarbeiten, wurde in den Achtzigerjahren noch in einer Woche konsumiert. In diesem Wettbewerb um Leserschaft bleiben die guten Nachrichten auf der Strecke. 

stolleFast so stark wie die Medien prägen die Hilfswerke das Bild des Südens. Zwar sind die Hungerbäuche seit Bob Geldofs «Live Aid» weitgehend Valerieverschwunden. Doch die Botschaft ist geblieben: Die Ärmsten der Welt sind wehrlose Opfer und brauchen unsere Hilfe. Hilfloses Leiden prägt Spendenbriefe in Auflagen, die selbst gestandene Tageszeitungen nicht erreichen. Wenn wir die Solidarität der Bevölkerung langfristig erhalten möchten, müssen wir dieses Bild dringend korrigieren. Es sind selbstständige Menschen, die die Entwicklung in ihren Ländern erfolgreich vorantreiben. Anstatt Stereotype zu bestätigen, sollten sowohl Medien als auch Hilfswerke das in den Vordergrund stellen, was Menschen im Süden und Norden verbindet: zum Beispiel die Hoffnung auf ein erfülltes, unabhängiges und selbstbestimmtes Leben.

Stefan Stolle ist Leiter Kommunikation und Fundraising und Mitglied der Geschäftsleitung von Helvetas.

 

Ruedi Küng: „Afrikaner und Afrikanerinnen empfinden das einseitige Afrikabild als ungerecht“

Das Image von Afrika ist schlecht, und vieles, was in Afrika geschieht, bestätigt dieses Image. Es gibt sie ja wirklich, die korrupten Regimes, die Kriege, die Gewalt. Aber es gibt auch Menschen und Gruppen, die dagegen angehen. Und wenn es an vielem oder fast allem fehlt, sind viele Afrikaner genial darin, einen Ausweg zu finden und aus der Situation das Beste zu machen. Wenn ich in Gesprächen oder Vorträgen ein differenziertes Afrikabild zeichne, löst das mitunter Irritationen aus. Für viele Leute bei uns scheint Afrika der Abfalleimer für alles Schlechte in der Welt zu sein, als ob es Krieg, Korruption und Armut nicht auch anderswo gäbe.

kuengAfrikaner und Afrikanerinnen, mit denen ich zu tun habe, beklagen sich denn auch weniger über Armut oder Einschränkungen als über falsche Wahrnehmungen. Sie empfinden es als ungerecht, dass sie als passive, alle Ungerechtigkeit duldende Menschen wahrgenommen werden und der Dialog mit ihnen nicht auf Augenhöhe stattfindet. Für die Entwicklungsorganisationen ist die Berichterstattung über Afrika so etwas wie eine Quadratur des Kreises. Auf der einen Seite brauchen sie Geld, und dafür müssen sie das bedürftige oder sogar elende Afrika zeigen. Auf der andern Seite müssen sie über Erfolge sprechen, denn die Spender erwarten positive Veränderungen. Da fragt man sich dann: Ist das Leben im beschriebenen Dorf nun wirklich so schlimm? Oder: Sind wirklich alle so glücklich mit ihrem Brunnen wie die gezeigte Bäuerin? Mir gefallen Entwicklungsorganisationen, die von Verhältnissen und Strukturen sprechen, etwa von Agrar–subventionen im Norden, gegen die ein afrikanischer Bauer keine Chance hat. Ein Beispiel dafür ist die Konzernverantwortungsinitiative.

Ruedi Küng, Afrikaspezialist,  war zwölf Jahre Afrikakorrespondent  von Schweizer Radio SRF.

 

Flurina Rothenberger: „Vom Bild des hoffnungslosen Afrikas profitieren viele“

Früher konnte man die Medien beschuldigen, sie würden stereotype Bilder über die armen, hungernden, kriegerischen Länder Afrikas verbreiten. Heute sind wir die Medien. Wer sich dafür interessiert, hat Zugang zu einem sehr breiten Bild Afrikas. Es gibt Blogs, Websites, Musik und Filme, die von Afrikanerinnen und Afrikanern ins Netz gestellt werden. Und da sind all jene Touristen aus dem Norden, die ihre Reiseerfahrungen in Afrika über Social Media mit anderen teilen. Da finden wir dann euphorische, überpositive Bilder eines lebendigen Afrikas ebenso wie das Bild eines Kontinents von Armut und Krieg. Ich spreche über Afrika, weil ich diesen Kontinent am besten kenne.

Sicher, es gibt wirtschaftliche Gründe dafür, Afrika einseitig zu zeichnen. Unternehmen wie Glencore brauchen diese Kluft zwischen der «entwickelten» und der «unterentwickelten» Welt, damit niemand auf die Idee kommt, der ausgebeutete afrikanische Minenarbeiter könnte zu uns gehören. Warum aber haben so viele Einzelpersonen das Bedürfnis, das kollektive Bild des hoffnungslosen Afrikas zu vertiefen? Ich vermute, dass sie damit sich und uns allen eine Gewissheit verschaffen wollen: Afrika ist ein Ort, der schlechter ist als der, an dem wir selber leben. Auch die Hilfswerke arbeiten mit Stereotypen. Sie hätten die grosse Chance, ein differenzierteres Bild zu vermitteln, und ich bin überzeugt, dass auch rothenbergerdamit solidarische Spender zu gewinnen wären. Doch das würde einige Jahre beanspruchen, und die Hilfswerke haben nicht das Kapital, diese spendenarme Durststrecke zu überbrücken.

Flurina Rothenberger ist Fotografin.  Sie hat ihre Kindheit in der Elfenbeinküste  verbracht und fotografiert regelmässig in Afrika.

 

 

Kathrin Krämer
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2 Kommentare zu «Ein Afrika jenseits der Klischees»

  1. Wengel Tessema Ayalew

    09. Februar 2016 um 15:31

    Erstens möchte ich sagen, wie toll ich diesen Beitrag finde. Dieses Thema beschäftigt mich schon eine Weile als Studentin im Bereich Medien Ethik aber auch als Afrikanerin (Äthiopierin), die immer wieder mit stereyotypischen Kommentaren und Fragen im Alltag begegnet ist. Ich finde den Text sehr gut, weil es die verschiedenen relevanten Aspekten des Themas abdeckt.
    Allerdings, muss ich auch noch erwähnen, dass Ich leider schon hier ein Problem sehe, dass für mich als Teil des Problems gilt. Nämlich, dass nur andere (nicht Afrikaner) über Afrika bzw. AfrikanerInen sprechen, aber AfrikanerInnen selbst nicht zu Wort kommen. Vor allem, meine Meinung nach, wie Afrikanner und Afrikanerinnen die stereotypische Afrikabild empfinden, sollte man den AfrikannerInnen selbst fragen. Ich finde was Herr Küng sagt sehr gut und auch richtig. Aber ein Afrikaner/eine Afrikanerin konnte doch erzählen, wie er/sie die Falschwahrnehmung in seiner/ihrer Alltag erlebt. Vor allem, geht es mir darum, indem man nicht die AfrikannerInen selbst lässt über sich zu sprechen, vermittlet man indirekt und/oder unbewusst die Vorurteil über AfrikanerInnen, die nicht ihren Meinung selbst äußern (können), sondern immer anderen für sie zu sprechen brauchen. Meine Meinung nach, wenn man schon das Thema anspricht, hätte man vielleicht doch noch mindestens einen Afrikaner oder eine Afrikanerin befragen sollen.

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    • Liebe Frau Ayalew

      Vielen Dank für Ihr Interesse und Ihr ausführliches Feedback.
      Wir haben hier den Ansatz gewählt, dass sich Menschen zur Problematik äussern, die mit dem „Afrikabild“ arbeiten respektive mitverantwortlich sind für dessen Ausgestaltung, inklusive Bedienung von Klischees. Aufgrund Ihrer und anderer Rückmeldungen zum Text haben wir aber festgestellt, dass es wohl sinnvoll gewesen wäre, das Konzept so zu ändern, dass sich auch eine Afrikanerin/ein Afrikaner hätte äussern können – eben gerade, um zu zeigen, dass deren/dessen Wort ebenso wichtig ist!

      Wenn Sie die Zeit dafür finden, interessiert uns natürlich sehr, wie Sie im Alltag Vorurteile erleben.

      Beste Grüsse

      Kathrin Krämer

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