Effizient helfen: Moskitonetze statt Bildung?

Hanspeter Bundi, 26. August 2016

Adriano Mannino, Philosoph und Präsident der Stiftung für Effektiven Altruismus, ruft in einer Carte Blanche des Zürcher Tages-Anzeiger engagiert dazu auf, die Armut in der Welt zu bekämpfen. „Nach wie vor sterben jeden Tag über 20‘000 Kinder an den Folgen der globalen Armut“, schreibt er und fordert alle auf, mehr zu spenden. Viel mehr zu spenden. Sehr viel mehr. Zum Beispiel 10% des eigenen Einkommens. Gleichzeitig fordert er, dass diese Spenden nur an Organisationen gehen dürfen, die wissenschaftlich beglaubigt effektive Arbeit leisten. Als Beispiel für hocheffiziente Hilfe nennt er die Verteilung von Moskitonetzen in Malariagebieten, wo, so die Berechnung, mit dem Einsatz von 2800 Dollar ein Menschenleben gerettet werden kann.

Manninos Appell unterstützt die Initiative, welche die Stiftung für Effektiven Altruismus vor Kurzem lanciert hat: Die Stadt Zürich soll 1 Prozent der öffentlichen Ausgaben für die Bekämpfung der Armut in Entwicklungsländern verwenden. Dabei darf sie mit dem Geld nur Organisationen unterstützen, die anerkannt wirksame Hilfe leisten. Mannino geht davon aus, „dass es hochgradig positive Massnahmen geben muss. Wir können sie wissenschaftlich ausfindig machen und selektiv fördern.“

Mit der Forderung, einerseits viel höhere Beiträge für Armutsbekämpfung einzusetzen und andererseits diese nur in Projekte und Ansätze fliessen zu lassen, wo die Wirksamkeit und Kosteneffizienz mit Zahlen und wissenschaftlichen Studien belegt ist, vereinen die effektiven Altruisten zwei gegensätzlich scheinende Positionen: den radikalen Idealismus, wie man ihn sonst bei ganz jungen Menschen findet („Wie könnt ihr ein Siebengangmenu essen, wenn in Afrika Menschen hungern!“) und die auf Effizienzmaximierung ausgerichtete Haltung eines Investors („Was nicht rentiert, wird geschlossen.“).

Entwicklungsorganisationen wie Helvetas sind von den effektiven Altruisten herausgefordert. Ihr radikaler Idealismus und ihre eigene grosse Spendenbereitschaft wecken Sympathien. Problematisch hingegen ist der zweite Aspekt: die Definition der effektiven Hilfe. Effektiv sei eine Aktion dann, wenn sie mit möglichst wenig Geld nachweisbar möglichst viel Leid lindert. In seinem Buch „Effektiver Altruismus“ nennt der australische Moralphilosoph Peter Singer drei Beispiele effektiver Hilfe: Die Verteilung von Moskitonetzen gegen die Anopheles-Mücke, die den Malariaerreger überträgt (2800 Dollar für die Rettung eines Menschenlebens), eine Impfkampagne gegen Masern und Röteln (80 Dollar für die Rettung eines Menschenlebens) und die Heilung von Menschen, die an der Parasitenkrankheit Trachoma erblindet sind (50 Dollar pro Heilung).

In allen drei Fällen geht es um Überlebenshilfe. Was aber geschieht mit den Kindern, die dank Impfung oder Moskitonetzen nicht an Malaria oder an Röteln sterben? Sie werden so leben, wie ihre Geschwister vor den Moskitonetzen oder der Impfung gelebt haben: in mehr oder weniger extremer Armut, mit anderen Krankheiten, ohne Ausbildung, ohne Aussicht auf eine bessere Zukunft. Die Rettung von Leben ist in der Tat eine wichtige und dringende Aufgabe. Aber eine Entwicklung wird damit noch nicht eingeleitet. Auch die von der Blindheit Geheilten bleiben in ihrer Armut gefangen.

Genau da setzen die internationalen Entwicklungsorganisationen ein. Sie verschaffen den Menschen die Möglichkeit, entscheidende Schritte für ein besseres Leben und eine gerechte Gesellschaft zu tun. Sie fördern die Berufsbildung für Jugendliche und die Ausbildung von Lehrpersonen. Sie stärken Bauernfamilien und ihre Organisationen, damit sie für ihre Rechte – zum Beispiel für Landtitel – einstehen können. Sie ermöglichen Beamten eine Ausbildung und fördern gute Regierungsführung. So fördern sie – effektiv – die Entwicklung von Menschen und ihren Gesellschaften.

Die Folgen solcher langfristiger Interventionen lassen sich nur beschränkt in nackte Zahlen fassen. Helvetas gibt bei unabhängigen Forscherinnen und Forscher aber regelmässig Wirkungsstudien in Auftrag. Bei Baumwollbauern in Kirgistan, die auf biologische Produktion umgestellt haben. Bei Absolventen einer Lehrerausbildung in Bhutan. Bei den Begünstigten einer neu gebauten Strasse . Niemand von ihnen sagt, mit der Hilfe von Helvetas sei ein Menschenleben gerettet worden. Doch alle berichten sie von besseren Einkommensmöglichkeiten oder vielfältigerer Ernährung oder einer Zunahme an Mut und Initiativgeist. Sie berichten von einem würdigeren Leben. Und damit zählen sie zahlreiche gute Gründe auf, Entwicklungsorganisationen zu unterstützen. Sie ermöglichen denen, deren nacktes Leben effizient gerettet wurde, ein Leben in Sicherheit und Würde.

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