DIGITAFRIKA

Hanspeter Bundi, 04. Oktober 2016
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Digitalisierung, Internet und vor allem die Mobiltelefone haben das Leben in Entwicklungsländern grundlegend verändert. Der malische Autor Mohomodou Houssouba beobachtet die rasend schnelle Veränderung in seiner Heimat genau. Und entdeckt darin grosses Potential.

Nirgendwo sonst wächst die Zahl der Handynutzerinnen und -nutzer so rasant wie in Afrika. Können Sie sich erinnern, wie alles anfing?

In den ersten Jahren war das Handy in Mali ein teures Luxusgut für die schmale Oberschicht. Für die Gesellschaft als Ganzes hatte es keine Bedeutung. Das änderte sich sofort, als 2003 eine private Konkurrenzfirma zur staatlichen Telecom zugelassen wurde. Was folgte, war ein Preissturz und eine eigentliche Demokratisierung der Mobiltelefonie.

Ab 2003 hat sich also die Mittelschicht ein Handy geleistet?

Alle hatten erwartet, dass der Ansturm auf die günstigeren Handys zuerst aus der Mittelschicht kommen würde. Doch die Ersten, die sich darauf stürzten, waren Handwerker und Marktfrauen, Lastwagen- und Busfahrer, Menschen also, die vom Telefonverkehr bisher ausgeschlossen waren. Für sie war das Handy ein Instrument, das ihnen die Arbeit enorm erleichterte. Selbstverständlich zog auch die Mittelschicht bald nach. Heute hat in den Städten jeder und jede ein Handy. Landesweit sind 23,5 Millionen SIM-Karten registriert. Statistisch kommen somit auf jeden Malier und jede Malierin eineinhalb Telefonlinien!

Gibt es auch weiterreichende Folgen dieser rasanten Verbreitung?

Gao, eine wichtige Stadt im Norden des Landes, war bei den Unruhen von 2012/2013 sehr umkämpft. Islamistische Aufständische und sezessionistische Tuareg hatten die Stadt besetzt. Während der Besetzung deckten die Bewohnerinnen und Bewohner die Radiostationen dort kontinuierlich mit Informationen ein, und die gaben die Informationen an die Öffentlichkeit weiter. Wo gibt es Strassensperren? Welche Stadtquartiere sind sicher? Wo sind die Milizen im Vormarsch? Dank der vielen Handyanrufe wurden die Radiostationen zu eigentlichen Überlebenskanälen. Ohne ständige Handykontakte wäre die Versorgung der Stadt mit Lebensmitteln und Medikamenten zusammengebrochen.

Und diese rege Beteiligung an Radiosendungen hat die Besetzungsjahre überlebt?

Im Radio sind die Entwaffnung der Milizen und ihre Wiedereingliederung oft ein Thema. Was müssen wir tun, damit die Flüchtlinge und die Aufständischen in der Gesellschaft wieder einen Platz einnehmen können? Die Diskussionen, an denen sich über Handy viele Bürgerinnen und Bürger beteiligen, sind überraschend differenziert. Hass- und Rachegefühle werden nur selten geäussert.

Sind die Handys zu einem Instrument der Zivilgesellschaft geworden?

In Wahlen zum Beispiel ist die Mobiltelefonie ein wichtiges Instrument gegen Versuche von Wahlfälschung. Nutzerinnen und Nutzer melden von überallher Unregelmässigkeiten oder Zahlen zur Wahlbeteiligung. Ich würde sagen: In Afrika sind Mobiltelefone für demokratische Wahlen wichtiger als ausländische Überwachungsdelegationen.

Und das beschränkt sich nicht auf die Städte?

Dank der Erschliessung der ländlichen Gebiete mit Mobilantennen können sich auch Bäuerinnen und Bauern in den Informationsfluss über Markt, Preise, Wetter und Politik einklinken. Sie tun das nicht in erster Linie, um die Gesellschaft vorwärtszubringen, sondern sie tun es aus einem persönlichen Interesse heraus. Sie wollen ihre eigene Situation verbessern. Aber wenn viele das tun, bringt es die Gesellschaft voran.

Auch in der Gesundheitsversorgung oder in der Bildung?

Als es bei der letzten Ebola-Epidemie auch in Mali einige Fälle gab, wurden in den Massenmedien regelmässig Notfallnummern eingeblendet oder vorgelesen. In der Administration nutzen Behörden die Mobiltelefonie, um ihre Bürgerinnen und Bürger zu informieren. Sie rufen zu Veranstaltungen auf. Sie publizieren die Pläne oder die Baukosten des neuen Schulhauses. Und die Bürgerinnen und Bürger reagieren darauf.

Ist die Informationstechnologie also der neue Motor für Entwicklung? Nicht der Zugang zu Wasser und Nahrung?

Wasser und Nahrung sind Grundbedingungen für Entwicklung. Die eigentlichen Motoren sind aber andere Bereiche. Und da gehört die Informationstechnologie sicher dazu.

Droht da nicht eine tiefe Kluft zwischen den Menschen, die Zugang zu den neuen Technologien haben, und denen, die ihn nicht haben?

Der Zugang zur Informationstechnologie ist viel breiter und tiefer als bei früheren Technologien. In Afrika hat nur eine kleine Minderheit ein Auto, und 600 Millionen Menschen haben keinen elektrischen Strom zur Verfügung. Aber mehr als sieben von zehn Menschen haben ein Handy. Das Bild der Kluft stimmt für Gesellschaften, in denen ein Gut knapp und ungerecht verteilt ist. Die Informationstechnologie aber ist weit verbreitet.

 

Der malische Schriftsteller Dr. Mohomodou Houssouba ist Mitarbeiter des Basler Zentrums für Afrikanische Studien. Er hat mitgeholfen, den Firefox-Browser in seiner Muttersprache Songhay verfügbar zu machen, und zusammen mit anderen Fachleuten und Intellektuellen des Landes arbeitet er in Freiwilligenarbeit daran, wichtige Wikipedia-Beiträge auf Bambara, Peul, Songhay und andere Landessprachen zu übersetzen. Der Malier lebt und arbeitet in Basel.

Fotos: Alexander Egger

Hanspeter Bundi
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Hanspeter Bundi

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