Der Alltag steht still in Bangladesch

Jane Carter, 23. Januar 2015
Der Alltag steht still in Bangladesch

Ich sollte diesen Blogeintrag von Bangladesch aus schreiben, aber stattdessen bin ich in der Schweiz. Mein Besuch verzögert sich wegen der andauernden politischen Krise im Land. In der internationalen Presse gibt es kaum eine Meldung zu den täglichen Unruhen und Blockaden, aber jedem der rund 156 Millionen Einwohner Bangladeschs müssen sie schmerzlich bewusst sein. Hier sind die Antworten meiner Kollegen in Bangladesch, die ich nach ihren Beobachtungen gefragt habe.

Die Wirkung auf unsere Mitarbeiter

Alle drücken ihre Besorgnis um ihre persönliche Sicherheit auf dem Weg zur Arbeit und zurück aus. Jedoch wird grundsätzlich anerkannt, dass Frauen grössere Schwierigkeiten erfahren als Männer.

„Ich fühle Angst. Die Angst, inmitten des Chaos gefangen zu sein. Die Mobilität ist eingeschränkt, es gibt bewaffnete Soldaten und Polizei überall in den Strassen.“

„Ich fühle mich unsicher, immer darauf gefasst, mit einer Brandbombe oder einem Molotowcocktail attackiert zu werden, oder verängstigt, dass jemand einen Brand im öffentlichen Bus legt.“

Die Reisen sind viel länger und komplizierter, da nur noch wenige motorisierte Fahrzeuge eine Erlaubnis haben, die Strassen zu befahren. Dazu gibt es plötzliche, unerwartete Blockaden gibt.

„Ich muss nun den Bus nutzen (Fussmarsch, Rikscha, Bus, Fussmarsch, Rikscha, Fussmarsch), um das Risiko zu minimieren…“

Eine weitere Sorge ist die Kommunikation, da soziale Medien weitgehend blockiert wurden.

„Die Regierung hat Viber, WhatsApp und ein paar andere Social-Media-Chats gesperrt… ich wurde letzte Nacht buchstäblich mitten im Chat mit meiner Tochter abgeschnitten!“

Die Mitarbeiter sorgen sich natürlich um ihre Familien, einige von ihnen fühlen sich besonders verwundbar – zum Beispiel Mitglieder der Hindu-Minderheit.

„[Meine Frau] muss alle Kennzeichen einer Hindu-Frau verbergen, wenn sie reist, um das Risiko zu minimieren.“

Die Ausbildung der Kinder bleibt ein wichtiges Anliegen. Viele Schulen sind aber geschlossen, und Eltern scheuen das Risiko, ihre Kinder in die geöffneten zu schicken – insbesondere Mädchen.

„Die Schule meines Sohnes bleibt geöffnet, während es bei meinem Mädchen umgekehrt ist. Sie hat sich sehr darauf gefreut, in die erste Klasse zu kommen. Sie ist jetzt sehr verärgert, dass sie zu Hause bleiben muss, während sie ihren Bruder in die Schule gehen sieht.“

Den Kollegen in unseren Regionalbüros bereitet die limitierte Verfügbarkeit von medizinischen Diensten Sorge. Spezialisierte Mediziner, die normalerweise wöchentlich in die Distrikte reisen, können dies nicht tun; ebenso wenig können ihre Patienten zu ihnen kommen. Eine signifikante Zahl unserer Mitarbeiter ist an anderen Orten als dem Wohnort ihrer Familie postiert; für sie bedeutet dies eine verlängerte Trennung: Wochenendbesuche aktuell unmöglich sind.

Projektverantwortliche sind natürlich angesichts der Umstände verunsichert, was die Implementation von Programmen betrifft. Besuche und Trainingskurse wurden abgesagt. Vielleicht das Schlimmste ist die vollkommene Planungsunsicherheit: „Wenn [sich die politische Pattsituation] Wochen und Monate hinzieht, ist davon nicht nur die Arbeit dramatisch betroffen, sondern wird auch psychologisch belastend.“

Auswirkungen auf die Ärmsten und Benachteiligten

Alle Mitarbeiter sind sich einig, dass die ärmsten Menschen am schlimmsten von den Unruhen betroffen sind. „In diesem kältesten Monat leiden die Tagelöhner am meisten. Die Bewegungsunfähigkeit ist ihr Feind geworden. Viele Menschen gehen Risiken ein und werden schikaniert.“

Menschen in Armut haben nicht nur die grösste Wahrscheinlichkeit, verletzt zu werden, sie riskieren auch eine Abwärtsspirale ins Elend. „Ich sehe bereits in der morgendlichen Kälte und sogar an den kältesten Abenden Leute betteln…“

Draussen in den Distrikten – Sunamganj ist ein besonders typisches Beispiel – ist der Transport von Grundlebensmitteln eingeschränkt und die Preise schiessen in die Höhe. Dies betrifft viele der Ärmsten, die den grössten Anteil ihres Einkommens für solche Güter aufbringen müssen.

Eines unserer Projekte, Samriddhi, unterstützt Kleinerzeuger von Gemüse, Obst und Vieh. Der Effekt der Blockaden ist in dieser Phase der intensiven Ernte von Wintergemüse desaströs: „Bauern haben damit begonnen, ihre Produkte lokal für nichts zu verkaufen. Da die Strassen ständig blockiert sind, kann nichts transportiert werden.“

Dennoch machte ein Mitarbeiter die interessante Beobachtung: „Die Nahrungsversorgung in den grossen Städten wird noch gut aufrechterhalten. Ich schreibe das unserem informellen Sektor zu… Dutzende Rikscha-Lieferwagen ersetzen sofort einen Truck. Die Anpassungsfähigkeit ist in einem solch arbeiterintensiven Land nicht immer schlecht… Die informelle Wirtschaft ist vermutlich der Hauptgrund, warum all diese politischen Störungen ihrer eigentlichen Wirkung entsprechend in den makroökonomischen Leistungen Bangladeschs reflektiert werden.“

Was können wir tun?

Zyniker könnten argumentieren, dass ausländische Agenturen aufhören sollten, es zu versuchen, wenn es unmöglich ist, ist einem Land zu arbeiten. Als Organisation sind wir aber überzeugt – wie auch die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) – dass es wichtig ist, in solch fragilen Kontexten engagiert zu bleiben. Natürlich hoffen auch wir, dass sich die Situation schnell verbessert. Aber wenn das nicht der Fall ist, werden wir unser Programm entsprechend anpassen müssen – und eine Balance finden zwischen der Sicherheit unserer Mitarbeiter und der kontinuierlichen Verpflichtung gegenüber jenen, mit denen wir zusammenarbeiten.

Mein Dank gilt Gias Md. Talukder, Humayun Md. Kabir, Kaspar Grossenbacher, Lilia Tverdun, Nayela Akter, Shamim Ahamed, Tirtha Sarathi Sikder und Zahirul Md. Islam dafür, dass sie ihre Gedanken geteilt haben.

Jane Carter
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Jane Carter

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