Denken in Linien oder denken in Spiralen (3/3)

NADEL-Praktikum, 29. Juli 2015

Daniel BillDaniel Bill* bloggt aus Vietnam. Er studiert am NADEL und ist gegenwärtig für Helvetas im Shan Tea Projekt im Einsatz. 

Warum kommt der Beschrieb meiner Arbeit erst im letzten Blogbeitrag? Wäre das nicht am Anfang sinnvoller, damit man weiss, mit wem man es zu tun hat? Diese Erwartung widerspiegelt eine wichtige Erfahrung aus meinem bisherigen Projekteinsatz: Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.

In konstanter Regelmässigkeit werfe ich hier meine für mich bisher als logisch empfundenen Denkweisen, Arbeitsabläufe, Strukturen und Zeitpläne über Bord. Ich hab mir von meinen Arbeitskollegen mal erklären lassen, dass meine europäische Problemlösung einer Linie gleicht, während viele Vietnamesinnen und Vietnamesen spiralförmig um das Problem kreisen und sich kontinuierlich zur Lösung vortasten. Ich masse mir kein Urteil über den einen oder anderen Weg an.

Die spiralförmige Herangehensweise stellt mich aber doch immer wieder vor grössere Herausforderungen. Ich versuche ständig, meine Flexibilität dahingehend zu verbessern und ich glaube, es geht voran. Was mich beruhigt: Selbst meine vietnamesischen Mitarbeiter bezeichnen den einen Teeproduzenten, mit dem ich viel zu tun habe, als “Extremfall” der vietnamesischen Denkart. Und so dauert es immer wieder etwas länger bis wir merken, dass wir eigentlich vom Gleichen sprechen.

Nun aber wieder alles der Reihen nach: Die Arbeitsinhalte bieten, was ich mir von meinem Projekteinsatz erwartet habe

  • Erstens nämlich Einblicke in den Arbeitsalltag von kleinen und mittleren Unternehmen – am Beispiel des Teehandels
  • Zweitens die realen Herausforderungen am Anfang der Wertschöpfungskette. Die Produzenten versuchen ständig, den stetig ansteigenden Ansprüchen der regionalen und internationalen Abnehmer gerecht zu werden.
  • Drittens spielt sich das Ganze in der vietnamesischen Marktwirtschaft ab. Einerseits ist sie geprägt vom Wandel von Planwirtschaft zur offenen Marktwirtschaft. Andererseits kann man daran in aller Deutlichkeit die riesigen Herausforderungen ablesen, die ein Land im rasanten wirtschaftlichen Wandel von einem Land mit tiefem zu einem Land mit mittleren Einkommen durchmacht. Das Land vollzieht in einigen sozialen und wirtschaftlichen Bereichen einen raschen Wandel, hinkt aber in anderen Bereichen massiv hinterher oder bleibt gar stehen.

Die wirtschaftlichen Herausforderungen zeigen sich im Teegeschäft meiner Meinung nach exemplarisch. Die Qualität des vietnamesischen Tees geniesst derzeit national und international einen mittelmässigen Ruf, weil viele Pestizide verwendet werden. Die privaten Kleinproduzenten in unserem Projekt müssen sich im Markt neben privaten, halbprivaten und vollstaatlichen Grossunternehmen behaupten. An Anlässen des staatlichen vietnamesischen Teeverbandes VITAS werden diese Divergenzen besonders offensichtlich, wenn all diese Player aufeinander treffen. Mit Genugtuung habe ich am letzten solchen Anlass gesehen, wie sich die “Kleinen” in der Diskussionsrunde lautstark zu Wort gemeldet haben und VITAS dafür kritisiert haben, nur die Interessen der Grossen zu vertreten.

Im Mittelpunkt meiner Arbeit steht die Zusammenarbeit mit Teeproduzenten in Sachen Marketing und Kommunikation. Ziel der Aktivitäten ist es, einen besseren Marktzugang und konstantere Absatzkanäle für die Produkte zu finden. Die Betreuung nur einzelner Unternehmen erschien mir zu Beginn des Projektes etwas wenig. Bei näherer Betrachtung stellte sich aber rasch heraus, dass das vorhandene Marketingwissen bei den Teeproduzenten sehr knapp (oder einfach komplett anders!) ist. Die Entwicklung von Marketingstrategien und Kommunikationsmitteln, wie der Projektleiter und ich das ursprünglich vorgesehen hatten, wird deutlich mehr individuelles Coaching und Zeit brauchen als erwartet.

Den anfänglich aufgesetzten – und zugegebenermassen etwas zu ambitiösen Zeitplan – mit entsprechenden Massnahmen haben wir zuerst drei Mal zurechtgestutzt und letztlich über Bord geworfen. Wir nehmen nun “Schritt für Schritt” um zum Ziel zu gelangen. Ich werde sehen ob wir dies auf einer geraden Linie tun oder in einer spiralförmigen Bewegung.

Video: Japanische Investoren sind am Tee interessiert und besuchen das Anbaugebiet. Ob sie den Tee abnehmen werden?

*Lesen Sie in Daniels erstem Beitrag, wie der Verkehr in Hanoi ein Abbild der inneren Haltung der vietnamesischen Bevölkerung ist. In seinem zweiten Beitrag ging es um die praktischen Weiterbildungen der Bäuerinnen und Bauern im Feld. 

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NADEL-Praktikum

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