Äthiopien steht vor humanitärer Katastrophe

Katrin Hafner, 01. Februar 2016
Äthiopien steht vor humanitärer Katastrophe

Die Menschen in Äthiopien sind immer wieder von Dürre und Hungersnot bedroht.

Äthiopien? Viele assoziieren damit Bilder von Kindern mit Hungerbäuchen. Erinnerungen an die 80er Jahre, als das afrikanische Land mit Hunderttausenden Verhungerter weltweit in den Schlagzeilen stand und Musiker Bob Geldof als Reaktion auf eine BBC-Reportage mit dem Benefizkonzert „Life Aid“ für die Leidenden sammelte. Andere verbinden mit Äthiopien das starke Wirtschaftswachstum, mit dem das Land in jüngerer Vergangenheit medial von sich reden machte.

Was hingegen (noch) kaum jemandem hierzulande bewusst ist: In Äthiopien sind aktuell rund doppelt so viele Menschen von Hunger bedroht, wie es in der Schweiz Einwohnerinnen und Einwohner hat. Obwohl sich die Katastrophe anbahnt, weiss man in der Schweiz wenig davon. Wie konnte es so weit kommen? Wir sehen keine Schockbilder, wir vernehmen bloss wenige Fakten, also existiert das Problem scheinbar nicht. Dabei fiel infolge des Klimaphänomens El Niño letztes Jahr die Regenzeit fast komplett aus. Auch in der Wag-Hemra Zone im Norden des Landes ist die Situation inzwischen prekär. Hier gelten sowieso schon 50 Prozent der Menschen als „sehr arm“. Nun zeichnen sich dramatische Folgen ab: Die Wasservorräte und Lebensmittel werden nicht mehr reichen, um das Überleben aller zu sichern. Durch den Ernteausfall explodieren die Preise für die wenigen Lebensmittel, die noch auf dem Markt sind; anderseits sterben Tiere an Unterernährung – und gleichzeitig versuchen Bauern, die noch Tiere haben, diese zu verkaufen, was zu einem Preiszerfall für Vieh geführt hat.

Firiehiwot Ybeltal, die bis Ende 2015 in Wag-Hemra für Helvetas als Projektleiterin tätig war und heute im Landesbüro in Addis Ababa arbeitet, erklärt, dass Regierung und NGOs zwar versuchen, mit Lastwagen Trinkwasser in die Region zu bringen, dies aber kaum funktioniert, da die Siedlungen allzu abgelegen und zum Teil nicht mit Strassen erschlossen sind. „Bedenklich ist zudem, dass mittlerweile die meisten Schulen schliessen mussten – wegen fehlendem Trinkwasser. Die Familien, die vor allem von der Landwirtschaft leben, haben auch gar kein Geld mehr, um Schulmaterial zu kaufen oder die Verpflegung in der Schule zu bezahlen.“ Das akuteste Problem jedoch ist, dass die Menschen schlicht nicht mehr genug zum Trinken haben. Viele haben ihre Dörfer bereits verlassen und suchen in Nachbarorten oder Städten nach einer Möglichkeit zu überleben.

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Kostbares Gut: Die Zisternen von Helvetas sammeln Wasser für den täglichen Gebrauch.

Helvetas engagiert sich seit 2002 in Äthiopien und ist in der Wag-Hemra Zone seit vier Jahren tätig – um präventiv Unterstützung leisten zu können. Helvetas unterstützte die Kleinbauern bisher zum Beispiel beim Bau von Zisternen zum Sammeln von Dachwasser für den Haushaltsgebrauch oder beim Anlegen von Sammelbecken für Oberflächenwasser, das zur saisonalen Kleinstbewässerung von Früchten und Gemüsen eingesetzt wird. Das alles reicht aber nicht mehr. Weil sich die Situation massiv verschlechtert hat, stellte Helvetas jetzt einen Nothilfeplan auf. Mit Wasser, Saatgut und Futter für die Tiere will man die Existenzgrundlage der Menschen sichern. Die Hilfe darf nicht erst einsetzen, wenn es zahlreiche Tote zu beklagen gibt – oder erneut Fotos von Hungerbäuchen um die Welt gehen.

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Katrin Hafner

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