3 x 15 gegen Ecopop

Bernd Steimann, 03. November 2014
3 x 15 gegen Ecopop

15 Sekunden – gerade so viel Zeit blieb unserem Beirat Bastien Girod am letzten Freitagabend in der Arena, die Behauptungen von Ecopop zur Familienplanung zu kontern. Danach war die Sendung zu Ende. Die Initianten waren wohl froh darüber, blieben ihnen damit doch einige unangenehme Antworten erspart. Hier nun drei mal 15 Sekunden gegen Ecopop:

1.
Erstens stimmt es, dass über 200 Millionen Frauen weltweit keinen Zugang zu Verhütungsmitteln und Aufklärung haben. Jedoch geben nur gerade 0.5% dieser Frauen den fehlenden Zugang als Grund dafür an, dass sie die Anzahl ihrer Kinder nicht selbst bestimmen können. Vielmehr sind es patriarchale Strukturen und fehlende Mitsprache in Ehe und Familie, welche dazu führen, dass viele Frauen mehr Kinder gebären (müssen) als sie eigentlich möchten und körperlich verkraften können. Wenn also nicht verhütet wird, ist es meist nicht wegen fehlender Kondome, sondern wegen der Dominanz von Ehemännern und Schwiegereltern. (Im Übrigen sind Kondome meines Wissens für Männer gedacht – warum die Initianten im Zusammenhang mit Verhütung stets nur von Frauen sprechen, bleibt ihr Geheimnis.)

2.
Zweitens anerkennen auch die Schweizer Entwicklungsorganisationen die Wichtigkeit und den Nutzen der freiwilligen Familienplanung. Die Darstellung von Ecopop, nur die skandinavischen Länder würden ernsthaft in diesen Bereich investieren, ist schlicht falsch. Tatsächlich hat die Schweiz 2013 im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit 69 Mio. Franken in die sexuelle und reproduktive Gesundheit investiert, Tendenz steigend. Das ist ein beträchtlicher Betrag und zusammen mit weiteren Investitionen in Bildung, Gesundheit und andere Bereiche ein hoch wirksamer Ansatz auch (aber nicht nur) bezüglich Geburtenraten.

3.
Drittens stimmt es, dass Familienplanung ein Menschenrecht ist. Das rechtfertigt jedoch noch lange keine Zweckbindung in der Schweizer Verfassung. Schliesslich umfasst die 1948 verabschiedete Allgemeine Erklärung der Menschenrechte 30 Artikel und mehrere Dutzend Rechte. Die wenigsten davon sind in den ärmsten Ländern dieser Erde gewährleistet. Zum Beispiel das Recht auf Bildung: Nach wie vor können rund 900 Millionen Menschen nicht lesen und schreiben (über 60% davon Frauen), und mehr als 55 Millionen Kinder haben noch nie eine Schule von innen gesehen. Oder das Recht auf Nahrung: Noch immer sind über 840 Millionen Menschen unterernährt, fast 100 Millionen davon Kleinkinder. Die traurige Liste liesse sich mühelos weiterführen. Es wäre schön, für jedes Menschenrecht 10% der Schweizer Entwicklungsausgaben reservieren zu können – bloss geht dann die Rechnung nicht mehr auf. Die von Ecopop vorgeschlagene Zweckbindung für die Familienplanung würde also ein Menschenrecht bevorzugt behandeln und gegen andere ausspielen. Oder in anderen Worten: Den Initianten ist es wichtiger, ein paar Geburten zu verhindern, als bereits Geborenen ein Leben in Würde zu ermöglichen.

Wollen wir das wirklich?

Bernd Steimann
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5 Kommentare zu «3 x 15 gegen Ecopop»

  1. Hans Arnold

    03. November 2014 um 18:39

    Eine merkwürdige Initiative mit noch merkwürdigeren Interessenverbindungen, was zu einer merkwürdigen Suppe führt.
    Das vielleicht einzig vernünftige daran: unterstreichen, dass das Abstimmungsresultat vom 9. Februar 2014 trotz allen Unkenrufen zum Trotz goldrichtig war. Staatsbürgerliches Verhalten darf nicht von Wirtschaftsdenken terrorisiert werden. Das geschieht im Denkprozess unserer Exekutive noch stark genug.

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    • alec gagneux

      25. November 2014 um 17:22

      Merkwürdige Interessenverbindungen: Hilfswerke, Umweltorganisationen, Parteien von extrem links bis extrem rechts, economiesuisse, Arbeitgeberorganisationen, Gewerkschaften, Konsumtempel (Migors), Massenmedien etc. Alle diese Inter€$sengruppen lassen
      1. die Schweiz noch weiter zubetonieren (6-spurige Autobahnen, Einkaufstempel, mehr Infrastruktur wegen mehr Menschen, immer weniger Ernährungssicherheit* wegen 30km2 Landverlust pro Jahr etc.
      2. die Benachteiligten weiterhin ohne genügend guten Zugriff zum Menschenrecht auf freiwillige Familienplanung leiden.
      Nach 10 Jahren haben wir dann die gewünschten 9 Mio im Land. Wer weniger Gewalt will, verbindet Intelligenz mit Weisheit und stimmt JA zur ecopop Initiative.

      * http://www.zeitpunkt.ch/fileadmin/download/ZP_103/103_39_Bilanztrick.pdf

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    • Zitieren ist Glückssache, lieber Alec. Natürlich spielt die Anzahl Personen in einem Land eine Rolle – entscheidend ist, wie man politisch damit umgeht. Wer das zitierte Papier auch nur halbwegs genau liest, erkennt unschwer, dass der präsentierte Lösungsansatz ein ganz anderer ist als derjenige von Ecopop, denn er geht die Ursachen (Wohnungspolitik, Steuer- und Lohndumping) an und nicht die Symptome (Einwanderung). Und was die 10% betrifft, so steht da auch noch „Bildung der Frauen“ – ein kleiner, aber bedeutender Unterschied.

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      • alec gagneux

        15. November 2014 um 21:18

        lieber bernd.
        1.) die bildung für männer ging vergessen (widerspricht dem helvetas leitbild).
        2.) frag mal bastien, warum er sein dokument von seiner webpage entfernt hat. es stehen dinge drin, die er heute dementiert…
        3.) 10% Zweckbindung verlangen bastien, yvonne gilli, simonetta sommaruga, liliane maury pasquier 2009. heute finden genau diese leute, dass eine zweckbindung falsch ist… erstaunlich.

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